Advertisement

Das Forum für das institutionelle deutsche Pensionswesen


Jahresauftakt der Pensions-Akademie:

Zwischen Let´s do it, Sinnlosigkeit und Bierdeckeln

Jüngst in Frankfurt diskutierten Beate Petry, Hansjörg Müllerleile, Valerie Huth, Marcus Mueller und Ferdinand van Taack-Trakranen über akute Themen des Pensionswesens. Andreas Fritz war mittendrin statt nur dabei – und hörte so manch scharfe Spitze: von sinnlos rausgehauenen Polit-Statements, von Fehlanreizen, die zu Fehlentscheidungen führen, von Obligatorien und faulen Kompromissen, von einem chancenlosen System, von einer Kommission, der vorgegriffen wird, von keinem, der das bAV-Geschäft kennt und mehr …

5. Februar, Frankfurt, Haus am Dom. Diesjährige Auftaktveranstaltung der Pensions-Akademie. Eingangs auf der Agenda wie stets die Podiumsdiskussion, dieses Jahr mit:

  • Beate Petry, aba-Vorsitzende und Pensions-Chefin der BASF SE
  • Hansjörg Müllerleile, Geschäftsführer der MetallRente
  • Valerie Huth, Fidelity International
  • Marcus Mueller, bAV-Chef von Covestro
  • Ferdinand van Taack-Trakranen, Senior ESG Analyst The Value Group
  • und als Moderator der Autor, der die prägnantesten Aussagen dokumentiert hat:


Zur
Rede des Bundeskanzlers an der Deutschen Börse: Paradigmenwechsel oder politische Irritation?

Petry: „Die Kernbotschaft von Friedrich Merz ist richtig – Lebensstandardsicherung alleine durch die gesetzliche Rentenversicherung ist nicht möglich. Der notwendige Paradigmenwechsel muss in den Köpfen der Menschen stattfinden – nicht nur in Regierungserklärungen. Problematisch: Politische Pflöcke werden eingeschlagen bevor die Alterssicherungskommission Ergebnisse vorlegen kann. Dies erhöht den Erwartungsdruck.“

Beate Petry, BASF …

Müllerleile: „Die Statements des Bundeskanzlers wirken eher orientierungssuchend als orientierungsgebend. Die kapitalgedeckte bAV darf nicht mit der Bürde versehen werden, primär gut für den Kapitalmarkt zu sein. Das Narrativ wirkt seit Riester nach. Der Kapitalmarkt dient einer guten Altersversorgung, nicht andersrum.“

Es ist sinnlos, Statements herauszuhauen, bevor die Ergebnisse vorliegen.“

Huth: „Das Bewusstsein für die Notwendigkeit zusätzlicher Vorsorge ist stark vorhanden. Die Jugend weiß, dass es Lösungen abseits der 1. Säule braucht und wird vielfach im privaten Bereich selbst aktiv. Außerdem zeigen Studien, dass die Jugend Vertrauen in die Arbeitgeber setzt. Dies bietet gute Chancen für die bAV, die Lösungen müssen nur attraktiv sein.

Marcus Mueller, Covestro …

Mueller: „Es ist sinnlos, Statements herauszuhauen, bevor die Ergebnisse der Rentenkommission vorliegen. Zu verstehen ist dies nur, wenn das Entstehen einer politischen Rede und der Einfluss der politischen Gemengelage berücksichtigt werden.“

Van Taack-Trakranen: „Entscheidend ist die Stabilität – nicht die Produktvielfalt. Klare Unterscheidung zwischen Marktrisiko und Systemrisiko. Schwankende Aktienmärkte sind akzeptabel, ein unzuverlässiges System nicht.“

Zur Alterssicherungskommission: Zu alt oder falsch besetzt?

Petry: „Zusammensetzung der Kommission: Alter 30 bis 74 Jahre, bestehend aus Wissenschaftlern; keiner, der das bAV-Geschäft in der Tiefe kennt. Reicht das bAV-Fachwissen der Kommission aus? Die Besetzung kann auch Chancen offenbaren, zurück auf die Meta-Ebene zu gelangen. Der Dreh: ‚Wir machen jetzt mal: Let´s do it! – dies muss geschafft werden.‘“

Zu einer Gesundheitsreform lade ich auch nicht die Patienten ein.“

Van Taack-Trakranen: „Am allerwichtigsten ist die fachliche Expertise. Egal, ob jung oder alt. Zu einer Gesundheitsreform lade ich auch nicht die Patienten ein. Nicht auf die große Reform warten. Umsetzen. Lernen. Verbessern.“

Müllerleile: „Keine Rentenreform ohne Finanzbildung.“

Huth: „Ein interessanter Schritt wäre die Schaffung eines Forums für die junge Generation gewesen, um die Neuerungen und deren Erarbeitung zu erläutern und die Belastung der Jugend durch die Rententhematik und damit verbundene Bedenken zu diskutieren.“

Zur Frühstart-Rente: Symbolpolitik oder Einstieg?

Hansjörg Müllerleile, MetallRente …

Müllerleile: „Eindeutige positive Bewertung der Frühstart-Rente: Nicht als finanziell durchschlagender Beitrag, sondern als Gateway. Sie kann Finanzbildung im familiären Umfeld anstoßen.“

Petry: „Der Bildungsaspekt ist eindeutig zu unterstreichen. Die geringe politische Sichtbarkeit stellt ein Manko dar. Eine innovative Idee darf nicht ‚by the way‘ abgehandelt werden.“

Mueller: Dazu gehört auch wieder eine Menge Vertrauen in die Institution Staat.

Van Taack-Trakranen: „Aktuell wirkt das Konzept eher wie ein staatlich geförderter Vermögensaufbau als wie eine Altersversorgung.“

Zur der Frage, ob Kapital oder lebenslange Rente?

Müllerleile: „Alterssicherung bedeutet Lebensstandardsicherung über die gesamte Lebensdauer. Fördermittel sollten sich auf klar erkennbare Versorgungsleistungen zur Lebensstandardabsicherung konzentrieren. Junge Menschen präferieren gemäß der MetallRenten-Studie stärker als erwartet die lebenslange Rente.“

In UK wurde die standardmäßige Kapitaloption wieder zurückgenommen.“

Mueller: „Der Break Even liegt bei Rentenversicherungen oft jenseits von 90 Jahren. Niedrigzinsphasen und hohe Kalkulationsannahmen belasten die Attraktivität. Kapitalauszahlungspläne bieten Flexibilität.“

Petry: „Ich warne vor Fehlanreizen. In Großbritannien wurde die standardmäßige Kapitaloption wieder zurückgenommen, da Fehlentscheidungen zunahmen. Das eigentliche Risiko: Alt zu werden und das Kapital zu früh aufgebraucht zu haben.

Valerie Huth, Fidelity …

Huth: Zunächst hat mich das Ergebnis der MetallRentenstudie diesbezüglich etwas überrascht, da ich persönlich erwartet hätte, dass die Jugend sich mehr Flexibilität z.B. durch die von Marcus Mueller genannten Kapitalauszahlungspläne wünscht. Auf der anderen Seite zeigt das Interesse an lebenslangen Renten vielleicht ja genauso, dass sich die Jugend mehr mit dem Thema Langlebigkeit und Altersvorsorge beschäftigt.

Van Traak-Trakranen: Persönlich konzentriere ich mich auf den Aufbau von Kapital.

Zur Komplexität: Das eigentliche Strukturproblem?

Petry: „Bitte keine Vereinfachungen durch inhaltliche Verkürzungen, sondern durch zielgerichtete Kommunikation. Anstelle von klassischen Vorträgen zur bAV bieten sich kurze, digitale Erklärfilme z.B. für Auszubildende an. Ergebnis: Deutlich höhere Teilnahmequoten an tariflichen Fördermodellen.“

Ohne Obligatorium wird es keine ausreichende Umsetzung geben.“

Van Taack-Trakranen: „Die Attraktivität von ETF-Sparplänen liegt nicht im Produkt an sich, sondern in der wahrgenommenen Transparenz und Eigentumszuordnung.“

Ferdinand van Taack-Trakranen, The Value Group …

Mueller: „Allein zur letzten Rentenreform lagen über 120 Stellungnahmen von Verbänden und Institutionen vor. Gegensätzliche Interessen führen zwangsläufig zu Kompromissen – oft faulen. Die Babyboomer treten in den Ruhestand. Der politische Spielraum für tiefgreifende Strukturreformen wird kleiner. Ohne Obligatorium wird es keine ausreichende Umsetzung geben.“

Zu der Frage, ob KI helfen kann?

Einhellige Meinung aller sinngemäß: „KI kann Komplexität reduzieren, individuelle Informationen niedrigschwelliger bereitstellen und junge Menschen zielgerichteter erreichen.“

Müllerleile: „Eine wirklich gute bAV passt auch ohne KI-Unterstützung auf einen Bierdeckel.“

Fazit des PI-Autors und Moderators

Die Podiumsdiskussion zeigte: Die Jugend ist nicht politikverdrossen – aber systemkritisch. Sie fordert Stabilität, Transparenz und Ehrlichkeit.

… und Moderator Andreas Fritz auf der Jahresauftaktveranstaltung, der Pensions-Akademie in Frankfurt am Main Anfang Februar. Alle Fotos: Tim Wegner.

Ob die Politik diese Erwartung erfüllt, wird darüber entscheiden, inwiefern die nächste Reform tatsächlich ein Paradigmenwechsel werden wird – oder nur ein weiteres Kapitel in einer langen Geschichte verschobener Entscheidungen.

Der Autor ist Vorstand der Pensions-Akademie.

Von ihm und anderen Autoren der Pensions-Akademie e.V. sind bereits auf PENSIONSINDUSTRIES bzw.ALTERNATIVESINDUSTRIES erschienen:

Jahresauftakt der Pensions-Akademie:
Zwischen Let´s do it, Sinnlosigkeit und Bierdeckeln
von Andreas Fritz, 20. März 2026

Infra-Fachtagung der Pensions-Akademie 2025:
Zwischen Realität, Regulierung und Rendite
von Christian Schneider, 24. Juli 2025

Auftaktveranstaltung der Pensions-Akademie 2025 (II):
1001 Nacht – doch was wird aus der Wunderlampe?
von Andreas Fritz, 27. April 2025

Pensions-Akademie Impact & Infrastruktur-Fachtagung (II):
Drei beherrschende Themen …
von Christian Schneider, 30. Juli 2024

Einblicke vom Impact Round Table bei der Pensions-Akademie:
Mehr Nachhaltigkeit wagen!
von Christian Schneider, 20. Oktober 2023

Deutscher ESG Pensions Award 2023:
Das ist der Preis der Nachhaltigkeit
von Frank Vogel, 6. Oktober 2022

Pensions-Akademie:
Klimflation goes Stresstest …
von Frank Vogel, 22. Februar 2022

Zeit für eine kleine (Zwischen-)Bilanz:
Sechs Jahre Pensions-Akademie
von Frank Vogel, 17. Dezember 2021

Nach fünf Jahren:
Die Pensions-Akademie hat sich nachhaltig etabliert
von Frank Vogel, 8. Oktober 2021

Ein Kompendium an nachhaltiger Lektüre:
Innovative Nachhaltigkeit in Einrichtungen der bAV“
von Frank Vogel, 2. September 2021

Nachhaltigkeit in der bAV – der zweite ESG Pensions Award:
Von der Pflicht zur Kür …
von Frank Vogel, 17. Februar 2021

Jahresauftaktveranstaltung 2019 der Pensions-Akademie:
Vor welchen Perspektiven steht die bAV?
von Frank Vogel, 26. März 2019

Herbsttagung der Pensions-Akademie:
Im Spannungsfeld zwischen PEPP und Praxis
von Frank Vogel, 25. September 2018

Auftaktveranstaltung 2018 der Pensions-Akademie:
Zum Glück keine Ruhe für die bAV
von Frank Vogel, 6. Februar 2018

Fachtagung der Pensions-Akademie:
Da klingeln bei mir die Alarmglocken“
von Frank Vogel, 22. September 2017

Einblicke vom Impact Round Table bei der Pensions-Akademie:
Mehr Nachhaltigkeit wagen!
von Christian Schneider, 20. Oktober 2023

Deutscher ESG Pensions Award 2023:
Das ist der Preis der Nachhaltigkeit
von Frank Vogel, 6. Oktober 2022

Pensions-Akademie:
Klimflation goes Stresstest …
von Frank Vogel, 22. Februar 2022

Zeit für eine kleine (Zwischen-)Bilanz:
Sechs Jahre Pensions-Akademie
von Frank Vogel, 17. Dezember 2021

Nach fünf Jahren:
Die Pensions-Akademie hat sich nachhaltig etabliert
von Frank Vogel, 8. Oktober 2021

Ein Kompendium an nachhaltiger Lektüre:
Innovative Nachhaltigkeit in Einrichtungen der bAV“
von Frank Vogel, 2. September 2021

Nachhaltigkeit in der bAV – der zweite ESG Pensions Award:
Von der Pflicht zur Kür …
von Frank Vogel, 17. Februar 2021

Jahresauftaktveranstaltung 2019 der Pensions-Akademie:
Vor welchen Perspektiven steht die bAV?
von Frank Vogel, 26. März 2019

Herbsttagung der Pensions-Akademie:
Im Spannungsfeld zwischen PEPP und Praxis
von Frank Vogel, 25. September 2018

Auftaktveranstaltung 2018 der Pensions-Akademie:
Zum Glück keine Ruhe für die bAV
von Frank Vogel, 6. Februar 2018

Fachtagung der Pensions-Akademie:
Da klingeln bei mir die Alarmglocken“
von Frank Vogel, 22. September 2017

Diskriminierungsfreie Sprache auf LEITERbAV

LEITERbAV bemüht sich um diskriminierungsfreie Sprache (bspw. durch den grundsätzlichen Verzicht auf Anreden wie „Herr“ und „Frau“ auch in Interviews). Dies muss jedoch im Einklang stehen mit der pragmatischen Anforderung der Lesbarkeit als auch der Tradition der althergerbachten Sprache. Gegenwärtig zu beobachtende, oft auf Satzzeichen („Mitarbeiter:innen“) oder Partizipkonstrukionen („Mitarbeitende“) basierende Hilfskonstruktionen, die sämtlich nicht ausgereift erscheinen und dann meist auch nur teilweise durchgehalten werden („Arbeitgeber“), finden entsprechend auf LEITERbAV nicht statt. Grundsätzlich gilt, dass sich durch LEITERbAV alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen fühlen sollen und der generische Maskulin aus pragmatischen Gründen genutzt wird, aber als geschlechterübergreifend verstanden werden soll. Auch hier folgt LEITERbAV also seiner übergeordneten Maxime „Form follows Function“, unter der LEITERbAV sein Layout, aber bspw. auch seine Interpunktion oder seinen Schreibstil (insb. „Stakkato“) pflegt. Denn „Form follows Function“ heißt auf Deutsch: "hässlich, aber funktioniert".

Alle Bilder von Kassandra ab Februar 2025 sind KI-generiert.

© Pascal Bazzazi – LEITERbAV – Die auf LEITERbAV veröffentlichten Inhalte und Werke unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Keine Nutzung, Veränderung, Vervielfältigung oder Veröffentlichung (auch auszugsweise, auch in Pressespiegeln) außerhalb der Grenzen des Urheberrechts für eigene oder fremde Zwecke ohne vorherige schriftliche Genehmigung. Die Inhalte einschließlich der über Links gelieferten Inhalte stellen keinerlei Beratung dar, insbesondere keine Rechtsberatung, keine Steuerberatung und keine Anlageberatung. Alle Meinungsäußerungen geben ausschließlich die Meinung des verfassenden Redakteurs, freien Mitarbeiters oder externen Autors wieder.