… toppt mal wieder alles: P●I–Autor Detlef Pohl war bei der aba-JT – und hörte von potenziellen Bedrohungen für die Entgeltumwandlung, nachhaltigen Schäden, Kostenkritik an der alten Riester-Rente, keinem erkennbaren Mehrwert, Renditeerwartungen von 6,2 Prozent, überbordenden WP-Beschäftigungsprogrammen, nicht haltbarer nationaler Umsetzung und viel mehr.
Vergangenen Dienstag, Berlin, erster Tag der diesjährigen aba-Tagung. Im Hotel Titanic geht es um mehr und bessere Altersvorsorge in Deutschland. Viel los ist ohnehin, v.a. regulatorisch. aba-Chefin Beate Petry spricht angesichts der sich überschlagenen Entwicklungen von dem üblichen Mechanismus „Nach der Reform ist vor der Reform“, der sich gewandelt habe zu einem „Während der Reform ist schon während der nächsten Reform“. Ein Kernthema derzeit für die zweite Säule: die aktuelle Reform der dritten.

Die aba fürchtet nicht zu Unrecht, dass das neue AV-Depot mit neuem Fördersystem und Verzicht auf lebenslange Auszahlung der betrieblichen Entgeltumwandlung das Wasser abgraben könnte – weil die Menschen eher die vermeintlich lukrativeren ETF-Angebote bis 85 abschließen und im Gegenzug die Entgeltumwandlung beenden. Denn: Bei einem Wechsel in die neue Förderwelt innerhalb der bAV bleibt dort weiterhin 100%-Garantie obligatorisch. Insofern bedauerlich, dass gerade das hier federführende BMF an diesem ersten Tag durch Abwesenheit glänzt, zumindest auf dem Podium.
Doch auch ohne BMF: Details zur aktuellen Lage und Verbreitung der bAV, zur Kapitaldeckung in der Altersvorsorge, zur Entgelttransparenz und zum Auto-Enrolment bestimmen den ersten Tag. Wegen der Dichte der Informationen erfolgt die Wiedergabe in zwei Teilen und im gewohnten P●I-Stakkato (alle Aussagen der Referenten in deren Indikativ). Heute also Teil I:
Petry: Bericht zur Lage und der fehlende Stein der Weisen
Die Jahrestagung eröffnet traditionell die aba-Spitze, in diesem Jahr also erstmals Beate Petry, im Hauptberuf Chefin Pension & Benefits bei BASF, vor rund 600 Fachleuten unseres Parketts in Berlin mit dem üblichen Lagebericht:
+++ Alterssicherungskommission legt in Kürze Bericht vor +++ bedauerlich: Sozialpartner dort außen vor, obwohl sie die Zeche werden zahlen müssen +++ gibt ohnehin kein Erkenntnis-, sondern Umsetzungsproblem +++ aba-Stellungnahme liegt lange vor +++ Stein der Weisen wird wohl nicht gefunden werden +++
„Gegen die Sozialpartner Themen durchzusetzen, wird schwierig.“
+++ BRSG 2.0 bringt zwar Verbesserungen, aber Gesamtpaket reicht bei Weitem nicht, um den dringend benötigten Boost in bAV herbeizuführen +++ gut, dass bei Geringverdienerförderung Einkommensgrenzen dynamisiert und Förderquoten erhöht wurden, war lange überfällig; nun leider erst ab 2027, obwohl in der AV jedes Jahr zählt +++ ebenfalls positiv: Anhebung der Grenze für zustimmungsfreie Abfindungen und erweiterter Kapitalanlagespielraum für PK sowie Weiterentwicklung SPM +++ doch genau hier Halbherzigkeit des Gesetzgebers: ohne SPM im jeweiligen Organisationsbereich bleiben AG und AN außen vor, wie im Metall- und Elektrobereich +++ neue Optionsmodelle kaum praxisrelevant, da ausschließlich für nicht tariflich geregelte Entgeltbestandteile (gibt es kaum) +++ unverständlich zudem, warum AG bei diesen Modellen mit 20% Zuschuss stärker belastet werden als bei einfacher Entgeltumwandlung +++
+++ in pAV soll bald auch neue „Frühstartrente“ kommen – s.u. Schildbach-Aussagen +++ schlecht: Leistungsphase nicht zu Ende gedacht, da staatliche Förderung trotz Verzicht auf lebenslange Rentenzahlung angedacht +++ kapitalgedeckte bAV mit kollektivem Bezug und zumeist lebenslangen Rentenzahlungen sinnvoller +++ O-Ton Petry: „Es ist zu erwarten, dass viele Arbeitnehmer in Zukunft die neue Form der Vermögensbildung nutzen, und dies sicher oft nicht zusätzlich zur bisherigen bAV über Entgeltumwandlung, sondern stattdessen.“ +++
„Private Altersvorsorge wird zur reinen Vermögensbildung mittels ETF-Sparens.“
+++ Vermögensbildung unverhältnismäßig besser fördern zu wollen als bAV, dies passiert nun mit pAV-Reform +++ dort großzügigere Förderung und Wegfall von Garantien, aber nicht in der bAV (außer bei rBZ) +++ BZML bleibt hinsichtlich der Beitragsgarantie gefesselt +++ aba-Stellungnahme sehr kritisch +++
„Die Neugestaltung der Förderung der pAV wird die bAV nachhaltig beschädigen.“
+++ bei EU-Projekten viel Bewegung, zuletzt Zusatzrentenpaket vom 20. November 2025 der EU-Com – für mehr ergänzende Altersvorsorge +++ einerseits Förderung und Deregulierung des PEPP, u.a. durch Arbeitgeberbeiträge, ggf. automatische Einbeziehung im „Workplace Context“, Verzicht auf den Zwang zu grenzüberschreitenden Angeboten, Übertragung von Kapital aus nationalen Produkten, Abschaffung des Kostendeckels und neuen Artikel zur steuerlichen Behandlung +++ andererseits mehr Regulierungen, u.a. ergänzende Level-II- und III-Befugnisse, Stärkung der Aufsicht und Erweiterung der NCA-Befugnisse, risikobasierte Eigenmittelanforderungen und neue Kapitalanlageregulierung, Verschärfung der Governanceanforderungen +++ EU-Com will EU-einheitliche Regulierung und Aufsicht für EbAV +++
+++ harte aba-Bewertung: kein Mehrwert für Betriebsrenten: ohne grundlegende Änderungen bringt das Paket keine zusätzlichen bAV-Anreize, sondern bevorteilt individuelle Produkte wie PEPP +++ falsche politische Prioritäten: EU-Com setzt auf individuelle Altersvorsorge, während kollektiv organisierte bAV ausgebremst wird +++ Überregulierung der EbAV: massiver Ausbau zusätzlicher EU-Anforderungen für EbAV, wodurch hohe Kosten drohen – ohne belastbare Kosten-Nutzen-Analyse der EU-Com bzw. erkennbaren Mehrwert +++ strukturelle Fehlsteuerung: individuelle Produkte sollen steuerlich, organisatorisch und durch automatische Einbeziehung gefördert werden – Risiken werden jedoch auf Einzelpersonen verlagert +++
„Bereits die undifferenzierte Einbeziehung der EbAV in EU-Finanzmarktregulierungen war weder sinnvoll noch angemessen.“
+++ nationale DORA-Umsetzung: höchst unerfreulich gelaufen aus aba-Sicht: +++ EU-Verordnung verpflichtet u.a. Pensionskassen und -fonds, ihre IT-Sicherheit und digitale Widerstandsfähigkeit gegen Cyberangriffe zu stärken +++ schon deren undifferenzierte Einbeziehung in EU-Finanzmarktregulierungen war weder sinnvoll noch angemessen +++ Rahmen der Umsetzung in Deutschland „toppt aber wieder einmal alles“: Beschäftigungsförderungsprogramm für Wirtschaftsprüfer +++ nur bei EbAV wird jetzt Beachtung des Regelwerks geprüft +++ allein Kosten für Wirtschaftsprüfung dadurch um 40% gestiegen, in Einzelfällen fast um das Doppelte +++ IT-Sicherheit stellt niemand in Frage, „aber diese Regulierung produziert vor allem Dokumentationspflichten und dadurch Aufwand“ +++ bedarf dringend Nachbesserung +++
„Opt out wird den Gesetzgeber nicht entbinden, Rahmenbedingungen zu definieren.“
+++ mit Opt out delegiert man Verantwortung letztlich wieder auf den Einzelnen, hofft aber auf dessen Trägheit +++ wird Gesetzgeber nicht von Pflicht entbinden, Rahmenbedingungen zu definieren +++ bemerkenswert, dass Rufe nach Obligatorium regelmäßig in Redepassagen eingebettet waren, in denen es um die Mobilisierung von Kapital für die Stärkung des Finanzmarktes und zur Finanzierung der Transformationsprozesse ging +++ Eindruck, dass bAV derzeit von Politik eher unter dem Aspekt der Kapitalmarktentwicklung betrachtet werden, statt als ein zentraler Baustein zur Sicherung des Lebensstandards im Alter +++ Eindruck verstärkt sich, wenn man nach Brüssel auf die dortigen Initiativen wie die SIU oder den Institutional Investors Pact for Innovation blickt +++
+++ Kapitalmarktintegration lässt sich stärken, gleichzeitig Renditechancen für die bAV erhöhen, aber bAV bleibt soziale Institution: Hauptauftrag ist sichere Altersversorgung – nicht industrie- oder kapitalmarktpolitische Zielerfüllung +++ bereits starke EU-Investitionen: Pensionseinrichtungen sind schon heute wesentliche Kapitalgeber der EU-Wirtschaft +++ weitere EU-Fokussierung nur unter Bedingungen: Risiko-Rendite muss stimmen und aufsichtsrechtlicher Rahmen passen +++ kollektive bAV wirksamer als Individualprodukte: für breite Kapitalmarktteilnahme betriebliche Vorsorgesysteme deutlich geeigneter als neue Retail-Produkte +++ Details der aba-Bewertung hier +++
+++ vernichtendes aba-Urteil zu EU-Regulierung: Widerspruch zum Ziel weniger Bürokratie und Förderung ergänzender AV +++ Ziel des EU-Com-Vorschlags ist „Scaling up“ – eine Marktkonsolidierung mit Ziel „weniger, dafür größere EbAV“ +++ O-Ton Petry: „Dies dürfte kaum die Aufgabe einer EU-Aufsichtsrichtlinie sein. Und mit dem Blick auf ein Leistungszusagen-geprägtes Land wie Deutschland birgt dieser RL-Vorschlag die große Gefahr, dass er bei vielen EbAV und deren Trägerunternehmen zu hohen Kapitalnachforderungen führt – und dies, weil die EU-Kommission offensichtlich eine Angleichung an die Versicherungsregulierung Solvency II will.“ +++
Lilian Tschan: Selbstverständlich werden sie gehört
Ein Plädoyer für mehr Kapitaldeckung in der Altersvorsorge durch aktuelle Reformen hält in ihrer Rede Lilian Tschan, als beamtete StS im BMAS die Nachfolgerin Rolf Schmachtenbergs und erstmals auf einer aba-Tagung dabei. Jedoch bleibt sie in ihrer Rede relativ vage:
+++ Alterssicherungskommission hat zwar keine Sozialpartner als Mitglieder, „sie werden aber selbstverständlich angehört“ +++ Prämissen für mehr Rente: Leistungsfähigkeit, Finanzierbarkeit, Verlässlichkeit +++ Reformvorschläge aus Kommission bleiben aktuell noch intern und werden im Juni veröffentlicht +++

+++ bAV: BRSG 2.0 bringt vor allem Ausbau von SPM und bessere 100er Förderung +++ 30 SPM-Projekte von vier Tarifpartnern zeugen von dynamischer Entwicklung +++ nun auch Verbreitung ohne eigenen SPM-TV möglich und hoffentlich zukunftsweisendes Modell +++ Kombination von SPM und 100er Förderung spannend, z.B. bei Omnibusrente +++
+++ private AV: hat größtes Potenzial für stärkere und bessere Kapitaldeckung +++ Kostenkritik an Riester-Angeboten war nicht ganz unberechtigt +++ Vorteile nun: Nutzung renditeorientierterer Anlageformen möglich (bisher durch Regulierung weitgehend ausgeschlossen), Produktstandardisierungen und intensiverer Wettbewerb denkbar, stimmige Förderung und Verbeitragung +++ Einfachheit und Renditeorientierung adressiert +++
Jan Schildbach: Starke kapitalgedeckte dritte Säule nötig
Einen wirtschaftlichen Ausblick im Zusammenhang mit AV-Reformen unternimmt Jan Schildbach, verantwortlich für Banken, Finanzmärkte und Regulierung im Deutsche Bank Research:
+++ Riester mit vielen Mängeln: niedrige Renditen, hohe Kosten, mangelnde Transparenz +++ erhebliche Lücken pAV: 17% ohne AV, die über gesetzliches Rentensystem hinausgeht, 61% ohne privaten Rentenvertrag und kaum nennenswertes Kapitaleinkommen für Rentner ab 66:
Quelle: OECD, DB Research 2022. Grafik zur Volldarstellung anklicken.
+++ 58% der Deutschen unterstützen eine verpflichtende pAV, 67% würden mehr in ein solches System einzahlen, wenn es mehr staatliche Anreize gäbe, 62% wären bereit, für AV in Aktien und andere Wertpapiere zu investieren, so DB Research +++
+++ deutsche Haushalte halten mehr als1/3 ihres Finanzvermögens in Bankeinlagen, obwohl Aktien bekanntlich langfristig höchste Renditen bringen +++ neue pAV bringt Altersvorsorgedepot ohne Garantiepflichten, aber Garantieprodukte weiter verfügbar (100 oder 80% Beitragsgarantie) +++ Rahmen: bis 100% Aktienanteil, aber keine Einzelaktien; Zuschüsse von max. 540 Euro p.a. (50 Ct für jeden Euro bis 360 Euro Einzahlung, 25 Ct für jeden Euro von 361 bis 1.800 Euro Einzahlung), zudem 300 Euro pro Kind; bis 8.840 Euro p.a. förderfähig +++ Kostendeckel: 1%, „kostenloser“ Wechsel nach 5 Jahren möglich +++

+++ Renditeerwartung: 6,2% p.a. (entsprechend Stoxx 600 Europe über die letzten 20 Jahre) mit steuerfreien Erträgen (Auszahlung steuerpflichtig); konservativer Rentenfaktor: 25 +++ Annahmen: 3.000 Euro Eigenbeitrag p.a. + 540 Euro p.a. staatliche Förderung sowie Investition am Aktienmarkt über 40 Jahre +++ bei typischen ETF-Kosten von 0,25% p.a. kommen 554.000 Euro Kapital vor Kosten heraus (entspricht 1.390 Euro Monatsrente) +++ bei 1% Kostendeckel bleiben 451.000 Euro verfügbares Kapital (1.130 Euro Monatsrente) +++ Anlage auf unverzinsten Konten bringt nur 142.000 Euro (350 Euro Monatsrente) +++
+++ Frühstart-Rente will frühen Einstieg in die kapitalmarktbasierte private Altersvorsorge für alle sicherstellen +++ Eckwerte: Kinder von 6-18 Jahren 10 Euro Zuschuss pro Monat; Zugriff nicht vor dem 67. Lebensjahr; Produkt orientiert sich an Altersvorsorgedepot und hat keine starren Garantieanforderungen; Depoteröffnung durch Eltern bei privaten Anbietern (Auffanglösung für Kinder, deren Eltern kein Depot eröffnen) +++ Frühstart-Rente soll rückwirkend zum 1. Januar 2026 starten, zunächst für Kinder mit Jahrgang 2020 +++ noch offen: Art der Vermögenswerte, die im Depot gehalten werden dürfen, Höhe der privaten Aufstockungssumme durch Eltern, Gestaltung und Verwaltung der kollektiven Auffanglösung +++
+++ Stärken der Reformen: breiteres, renditeorientierteres Produktspektrum, kostengünstigere Lösungen, lebenszyklusbasierter Investitionsansatz, weit gefasste Zielgruppe (jetzt auch Selbstständige zuschussberechtigt), Kostendeckel zumindest für Standardprodukte, Einbeziehung aller künftigen Generationen durch Frühstart-Rente +++ Schwachstellen der Reform: pAV bleibt freiwillig (ausgenommen Frühstart-Rente), überschaubare steuerliche Anreize, Garantieprodukte weiterhin verfügbar, Kosten könnten hoch bleiben, Regeln zu Besteuerung und Zuschüssen bleiben anspruchsvoll +++

Soweit zum ersten Teil der Berichterstattung von P●I-Autor Detlef Pohl zum ersten Tag der diesjährigen aba-Jahrestagung. Teil zwei folgt am Montag auf PENSIONS●INDUSTRIES.


























