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Weihnachts-Kassandra – Die kommentierte Presseschau zur bAV:

Wir werden es alle brauchen können

Unregelmäßig freitags bringt LEITERbAV eine kommentierte Presseschau zur bAV.

Heute: Kassandra und der Kanzler gemeinsam auf dem Weg zu den 90 Millionen.

Heute nach langer Zeit wieder eine kommentierte Presseschau auf LEITERbAV – mit teils neuen Beiträgen, aber auch teils mit Bezug zu älteren, die bereits auf LEITERbAV Dynamics gepostet worden sind, wo Kassandra in diesen Monaten bevorzugt ihr Unwesen treibt.

Bild (17. Dezember): „Volle Kraft gegen den Teuer-Schock? Von wegen! Madame Inflation und ihr mieses Spiel mit unserem Geld.“

Kassandra hat seit einem Jahrzehnt geunkt, dass die EZB (anders als die USA) aus der selbstgestellten Falle des billigen Geldes nicht mehr auf konventionellem Wege herauskommt – weil die Strukturen in Finanz- und Realwirtschaft, namentlich aber die öffentlichen Haushalte, längst drogenabhängig sind von dem billigem Geld. Und dass das mitten im Krieg erst recht unmöglich sein werde.

Und nun? Hat die EZB doch glatt zweimal die Zinsen erhöht. Und Kassandra Lügen gestraft? Nicht wirklich. Denn: Von einem Tapering der EZB kann keine Rede sein. Sie erhöht zwar die Zinsen, betreibt aber weiter QE, kauft also weiter Staatsanleihen – und hat dabei (in klarem Widerspuch zu dem Voßkuhle-Urteil des BVerfG und wie von Kassandra schon im März 21 prognostiziert) den Capital Key durch „Fragementierung“ komplett über Bord geworfen, weil ihr sonst die Spreads auseinanderfliegen. Sie finanziert also mittels QE die Staatshaushalte des Club Med durch geschenktes Geld zu Lasten der Nordländer, namentlich Deutschland.

Bemerkenswert, dass dieser Sachverhalt, vom dem selbst in deutschen Fachmedien selten (aber nicht nie) zu lesen ist, hier in der BildZeitung dargelegt wird, wenn auch in knapper Form (und offenbar ohne zu verstehen, dass es sich bei QE um geschenktes Geld handelt). So heißt es dort: 

Von Juni bis September kaufte die EZB massiv Schuldscheine von Italien, Spanien und Frankreich, pumpte damit mind. 15 Milliarden Euro zusätzlich in die Märkte. Immerhin holte sie zeitgleich 17 Milliarden Euro aus Deutschland zurück.“

Wie dem auch sei – Zinsen erhöhen in homöopathischer Form, dabei weiter Staatsanleihen kaufen und Staatshaushalte dort finanzieren , wo es am meisten brennt und unter klarer Verletzung des Rechts, und das in einem Euroland, in dem die Inflation massiv pressiert, die Multi-Problemlage sich täglich weiter zuspitzt, die Rezession vor der Haustür steht … wer mag, der kann darin die Anzeichen eines Endspiels erkennen. Dem zu widersprechen, ist jedenfalls nicht trivial.

 

Bild (10. Dezember): „Scholz rechnet mit 90 Millionen Menschen in Deutschland.“

Liest man im Bundeskanzleramt LbAV? Laut Verteiler ja. Aber offenbar auch laut Inhalt. Denn schließlich hat Kassandra nicht nur bereits im holden März schon, direkt nach Kriegsbeginn geschrieben:

Die Zahlen aus der Ukraine dürften allein für Deutschland schnell siebenstellig werden (ob vorne eine 1,2 oder 3 steht, wird man sehen).“

und damit richtig gelegen, sondern auch seit Oktober auf LEITERbAV Dynamics mehrfach prognostiziert, dass dieses Land bis Ende des Jahrzehnts 90 Millionen Einwohner haben wird.

Und nun berichtet die Bild, was Bundeskanzler Olaf Scholz vor wenigen Tagen prognostiziert hat, auf einer Veranstaltung in Potsdam: 90 Millionen.

Beide Top-Experten – Kassandra und Scholz – sehen wenig überraschend den gleichen Grund: Zuwanderung.

Die Bundesregierung wolle mit Fachkräftezuwanderung dafür sorgen, „dass wir den Laden hier am Laufen halten“, zitiert die Bild den SPD-Politiker. Und just hier passt nun doch ein ganz winziges Blatt Papier zwischen Kassandra und Kanzler, denn erstere ist nicht ganz so optimistisch. Mit die höchste, wenn nicht die höchste Steuerlast der Welt, völlig überdehnte Sozialsysteme, unabsehbare Energiekrise, selbstgewählte Abwicklung der Schlüsselindustrien, degenerierte Infrastruktur, BrainDrain von Leistungsträgern, usw. usf.: Welcher Mensch mit ernsthaften Ambitionen soll sich denn künftig ausgerechnet Deutschland, das auch noch vor dem demographischen Zusammenbruch steht, als Zielland aussuchen, um seine Träume zu verwirklichen?

Erinnert sei daran, dass es selbst in diesen noch guten Jahren jüngst nicht mal gelungen ist, einfache Arbeiter aus der Türkei für die deutschen Flughäfen zu gewinnen.

Zu den Zahlen der kassandrischen Prognose: Noch vor 2012 lebten in Deutschland knapp über 80 Mio. Menschen, heute über 84 Mio., Tendenz schnell steigend. Ergo kann man sich die Dynamik der Zuwanderung gut vorstellen, erst recht unter Berücksichtigung der Tatsache, dass seitdem ca. 1 Mio. Deutsche und zig Mio. Ausländer das Land wieder verlassen haben. Trotzdem 5% plus.

Wie dem auch sei, 90 Millionen sind 90 Millionen. Das bietet gewaltige Chancen, bedeutet aber auch enorme Herausforderungen – für sämtliche Sozialsysteme, für die Arbeitsmärkte, für die öffentliche Verwaltung, für das Gesundheitswesen, für die Infrastruktur, für Wohnungsmärkte und Verdichtung, für innere Sicherheit und Bildung, für die Grenzen der ökologischen Belastbarkeit etc…

Auf dem Weg zu den 90 Millionen – das mag man politisch begrüßen (Demographie, Arbeitsmarkt, Vielfalt) oder kritisieren (Wohnraum, innere Sicherheit, Sozialsysteme), jeder nach seinem Gusto. Aber hat das mit der bAV zu tun? Ja, durchaus, denn jede zusätzliche Belastung der Sozialsysteme – zuvordest Rente, aber auch Kranken – engt die Spielräume des Staates ein, haushaltsseitig, steuerpolitisch und geldpolitisch, und beides wirkt auch auf die bAV und auf den Blick des Staates auf sie.

Inwieweit die Politik angesichts des Zusammenwirkens dieser Aufgaben mit Rezession, Inflation, drohender De-Industrialisierung, Krieg in Europa, Klimarettung und und und … noch Ressourcen frei haben wird, in der Rente, namentlich in der bAV zu durchgreifenden Verbesserungen zu kommen, bleibt abzuwarten. Das vollmundige Projekt „Aktienrente“ ist ja wie hier an dieser Stelle früh prognostiziert bereits beerdigt (und durch ein einfaches Hebelgeschäft ersetzt, wobei auch dessen Realisierung völlig unklar bleibt).

Und wiederholt sei: Jedem muss klar sein, dass wir erst am Anfang der Entwicklung stehen.

In eigener Sache: Mit diesem Beitrag geht LEITERbAV in die Weihnachts- und Winterpause, die je nach Nachrichtenlage bis KW 3 oder 4 2023 andauern soll.

Nicht grämen, die Laune wird ihnen die Redaktion in loser Folge weiter mit einigen Kassandras verderben, an denen sich wie oben erwähnt in den vergangenen Wochen bereits die Teilnehmer auf LEITERbAVDynamics erfreuen durften.

Ansonsten sei der Leserschaft ein frohes Fest und vor allem ein gutes 2023 gewünscht.

Wir werden es alle brauchen können.

Diskriminierungsfreie Sprache auf LEITERbAV

LEITERbAV bemüht sich um diskriminierungsfreie Sprache (bspw. durch den grundsätzlichen Verzicht auf Anreden wie „Herr“ und „Frau“ auch in Interviews). Dies muss jedoch im Einklang stehen mit der pragmatischen Anforderung der Lesbarkeit als auch der Tradition der althergerbachten Sprache. Gegenwärtig zu beobachtende, oft auf Satzzeichen („Mitarbeiter:innen“) oder Partizipkonstrukionen („Mitarbeitende“) basierende Hilfskonstruktionen, die sämtlich nicht ausgereift erscheinen und dann meist auch nur teilweise durchgehalten werden („Arbeitgeber“), finden entsprechend auf LEITERbAV nicht statt. Grundsätzlich gilt, dass sich durch LEITERbAV alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen fühlen sollen und der generische Maskulin aus pragmatischen Gründen genutzt wird, aber als geschlechterübergreifend verstanden werden soll. Auch hier folgt LEITERbAV also seiner übergeordneten Maxime „Form follows Function“, unter der LEITERbAV sein Layout, aber bspw. auch seine Interpunktion oder seinen Schreibstil (insb. „Stakkato“) pflegt. Denn „Form follows Function“ heißt auf Deutsch: "hässlich, aber funktioniert".

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