Das Forum für das institutionelle deutsche Pensionswesen


Die kommentierte Presseschau zur bAV:

Kassandra wennet Wetter sich lohne däät

Unregelmäßig freitags bringt PENSIONSINDUSTRIES eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Über eine Revolution, die diesmal nicht ihre Kinder frisst, sondern jemand anderen, über Jahrhundert und Wissenschaften, über die, die Kassandra in ihre Gebete einschließt, über den ewigen deutschen Kreislauf. Und: Wer ist der nächste?

CitriniResearch (22. Februar): „The Consequences of Abundant Intelligence.“

Dass die KI Chancen und Risiken mit sich bringt wie selten oder nie in der Geschichte der Menschheit, ist eine Binsenweisheit, die auch hier schon seit Jahren rauf und runter gebetet worden ist (Chancen bspw. in der Pflege, Risiken bei der Authentizität).

Im Auge des Orkans offenkundig: die Arbeitsmärkte. Die Folgen der KI-Revolution können hier gar nicht überschätzt werden. Und: Die Finanzdienstleistung ist einer der ersten Kandidaten, der hart getroffen werden wird (über die KI-Trends in der bAV hat PI-Autorin Susanne Jungblut jüngst berichtet).

Programmierer, Ingenieure, Journalisten, Autoren, Lektoren, Designer, Schauspieler, Kameraleute, Soldaten …“

Das betrifft natürlich in erster Linie die klassische Rationalisierung, wie man sie seit jeher kennt; erfasst werden bspw. Programmierer, Ingenieure, Journalisten, Autoren, Lektoren, Designer, Schauspieler, Kameraleute, Soldaten … Aber betroffen sein werden auch die Bereiche, in denen die Leute auch dauerhaft das menschliche Gegenüber brauchen oder zumindest wünschen: Ärzte, Lehrer, Steuerberater, Polizisten, Analysten, Juristen. Die Liste ist endlos, und es fällt schwer, Bereiche zu finden, die nicht betroffen sein werden.

Aber warum brauchen wir weniger Steuerberater, wenn der Mandant am Ende einen Menschen vor sich sitzen haben will? Weil die KI (anfangs) in erster Linie Vorarbeiten erledigen wird. Anamnese/Diagnose für den Arzt, Steuerstrategie für den StB, Erstermittlungen für den Polizisten, Analyse der herrschenden Meinung für den Anwalt, Recherche und Vorformulierung für den Moderator … Und wenn ein Team von 10 Finanzanalysten am Tag sagen wir mal 50 Geschäfts- und Finanzberichte für den Chefanalysten vor-auswertet, dann macht die KI das in Lichtgeschwindigkeit und in endloser Quantität und Kontinuität, in Kürze auch in bester Qualität. Da brauchen Sie nur noch den Chef und seinen Stellv. (wenn überhaupt), die meisten anderen können gehen.

Niemals geht man so ganz, oder?

Doch all diese Wegrationalisierten sind ja dann nicht einfach weg vom Arbeitsmarkt, und fertig. Sondern sie werden in andere, von der KI nicht so stark beeinträchtigte Bereiche drängen, so dass auch diese zwangsläufig unter Druck geraten.

Deutlich gezeigt, wo der Hase lang läuft, hat diese Woche nicht nur das oben verlinkte Citrini-Memo, sondern auch der Druck auf die Kurse von Softwareunternehmen wie bspw. IBM. Wie die Finanzdienstleistung ist die IT-Welt ebenso erster Kandidat für Freisetzung und Disruption. Hier in der IT haben wir also den seltenen Fall: Die Revolution frisst diesmal nicht ihre Kinder, sondern ihre Eltern.

Indien? Ausgerechnet Indien?

In diesem Zusammenhang – dass die KI die IT v.a. auf der Software-Seite schrumpft – blicken erste Kommentatoren derzeit verstärkt sorgenvoll auf ein Land, bei dem als internationalem Hauptstandort für Offshore-IT die Zahl der Leidtragenden viele Dutzend Millionen erreichen dürfte: Indien. Ausgerechnet also das Land, das für viele jetzt erst zum großen Sprung ansetzen soll. Droht Indien etwa, die Zukunft zu verlieren, bevor sie überhaupt angefangen hat? Man wird sehen.

This is not the End

Aber auch wenn man es bald nicht mehr hören kann: Das ist alles erst der Anfang, gerade auf den Arbeitsmärkten. Der nächste Step steht schon vor der Tür. Models, Fahrer, Mechaniker, Friseure … dort, wo derzeit noch menschlich-körperliches Geschick gefragt ist, wird spätestens dann aufgeräumt, sobald sich die KI mit der Robotik gepaart haben wird (Pflege wurde oben schon erwähnt).

Wenn Roboter schon heute im Krankenhaus-Alltag hochkomplexe Operationen ausführen (Stichwort da Vinci), warum sollen sie dann nicht morgen bei Ihnen zu Hause die Lichtschalter reparieren oder Ihnen die Haare schneiden? Oder in einer positiveren Variante: sich an Ihres Sohnes statt auf irgendeinem Schlachtfeld als Kämpfer zerfetzen lassen? Diese Moderne macht Ihren Nachwuchs zwar arbeitslos, braucht ihn dafür aber auch an der Front nicht mehr. Er ist ihr einfach egal.

Immerhin: Die KI frisst zwar ihre Eltern. Aber der Krieg braucht keine jungen Männer mehr. Sie sind ihm einfach egal.

Eine uralte Frage der VWL

Apropos egal: Zunächst einmal ist es ja grundsätzlich positiv, wenn die Technologie den Menschen immer weiter entlastet und Maschinen uns die lästige Arbeit abnehmen.

Wird es eine Lust bleiben zu leben?“

Doch die Distributions-Frage (also: wer bekommt was?), ohnehin eine der ältesten Fragen in der Volkswirtschaftslehre, wird völlig neue Dimensionen erreichen. Fest steht: Die jüngeren Generationen auf diesem Planeten stehen vor noch ungeahnten Herausforderungen, besonders auf dem Arbeitsmarkt. Oder frei nach Ulrich von Hutten: „O Jahrhundert, o Wissenschaften! Wird es eine Lust bleiben zu leben?“

und was bleibt eigentlich ein Asset?

Stichwort bleiben: Man sieht, die KI-Rationalisierung trifft gleich im ersten Schwung namentlich Gut-Verdiener. Das wiederum wird Folgen haben für das Konsumverhalten und für deren Produzenten natürlich auch.

Die Frage, was überhaupt noch ein Asset ist, wird sich möglicherweise bald völlig neu stellen.“

Diese Woche hat man gesehen, dass in Sachen Selektion und SAA an den Kapitalmärkten die Prioritäten bereits neu geordnet werden. Unternehmen wie IBM und SAP müssen sich jedenfalls etwas einfallen lassen (und das werden sie vermutlich auch). Vermutlich – das hat diese Woche an der Börse auch gezeigt – wird sich die Frage, was überhaupt noch ein Asset ist, bald völlig neu stellen. Assets mit innerem Wert und natürlicher Limitiertheit dürften hier stärker in den Fokus der Anleger geraten.

Und das Industriemuseum?

Und Deutschland? Zunächst Blick nach Westen: Industriell und technologisch sind die USA im Zentrum des KI-Booms, geradezu der erste Treiber; die wichtigsten Akteure sind in den USA beheimatet, und das Land stellt sich unter Donald Trump industriepolitisch (ebenso innen wie -geopolitisch, aber das ist eine andere Frage) für dieses unser aller anbrechendes Zeitalter längst strategisch auf, und das mit großer Entschlossenheit. Trotzdem werden selbst die USA es schwer genug haben, mit diesen Disruptionen umzugehen, und ihr Rivale China nicht minder.

Aber: Können Sie sich vorstellen, wie dieses neue Zeitalter, wenn es erst seinen richtigen Drive entwickelt, in Deutschland einschlagen wird? Einem Land, das am Vorabend seines demographischen Zusammenbruchs schon jetzt gebeutelt ist von technologischem Rückfall, DE-Industrialisierung, Brain Drain, fiskalischer Überdehnung, Bürokratie und Verkrustung, energiepolitischen Defiziten, maroden Sozialsystemen und einem völlig außer Kontrolle geratenen Sozialstaat (also von Entwicklungen, die alle gegen 2035 auf ihre gemeinsame Kulmination zulaufen), und das umgeben ist von Nachbarn, die alle mehr oder weniger die gleichen Probleme haben?

Wer ist der nächste?

Übrigens: Fidelity hält am 19. März ein Webinar ab, das sich vermutlich exakt mit der hier dargestellten Problematik befassen wird, jedenfalls trägt es den vielversprechenden Titel „KI & Disruptionsrisiken: Wer ist als nächster an der Reihe?“.

19. März? Das ist ab heute ein knapper Monat. In diesen Zeiten eine Zeitspanne, in der die Entwicklung bereits spürbar weiter sein wird als heute; man sollte also mit einer Diskussion auf Basis neuer Ereignisse – v.a. an den Märkten – rechnen dürfen.

FAZ (16. Februar): „Die einzige Idee der SPD besteht in höheren Steuern und Abgaben.“

Die deutsch-amerikanische Chefin von Trumpf (nicht Trump), sie heißt Nicola Leibinger-Kammüller, sagt der FAZ, dass „die einzige Idee der SPD in höheren Steuern und Abgaben“bestehe. Dem muss hier streng widersprochen werden, denn das ist geradezu eine Beleidigung der traditionsreichsten Partei Deutschlands!

Gut, die alte Tante „müffelt zwar etwas nach Tod“ (meint zumindest die Bild), und sie ist „programmatisch am Ende ihres Weges angekommen und kann nur noch durch ein AfD-Verbot gerettet werden“ (meint zumindest diese besserwisserische Kröte).

Aber dass die einzige Idee der alten Tante in höheren Steuern und Abgaben bestünde, ist schlicht falsch. Die in diesem Staat (und auch in der Altersvorsorge) sowie in allen gesellschaftlichen Strukturen extrem tief verwurzelte SPD (ÖRR und zahlreiche ihr gehörende Medien, DGB, Bundesbank, Deutsche Bank, DFB, IG BCE, ver.di, Sozialverband VdK, Arbeiter Samariter Bund, Kinderhilfswerk, Atlantik-Brücke, Agentur für Arbeit, GIZ usw. usf.), die außerdem seit mindestens 2013 gegenüber der grenzdebilen Union ihre Durchsetzungsfähigkeit beweist, hat für Deutschland eine viel komplexere Idee als nur die von Steuern und Abgaben. Es ist die Idee von einem ewigen Kreislauf, der da lautet:

Mehr Staatsschulden!
Mehr Steuererhöhungen!
Mehr Umverteilung!

Die Lage verschärft sich weiter. Und dann:
M
ehr Staatsschulden!
Mehr Steuererhöhungen!
Mehr Umverteilung!

Die Lage verschärft sich weiter. Und dann:
Mehr Staatsschulden!
Mehr Steuererhöhungen!
Mehr Umverteilung!

Und ansonsten weiter-weiter-weiter-so!

Und erneut: Alle wissen es. Wir wissen es, Sie wissen es, die SPD weiß es, Klingbeil weiß es – diese SPD ist am Ende ihres Weges angekommen. Nicht mehr und nicht weniger.

Erneuern kann er die SPD nicht. Dazu fehlt ihm alles, und seiner Partei auch.“

Wie gesagt, es wird eine der spannendsten Fragen in den kommenden Monaten sein, wie Klingbeil mit dieser Herausforderung umgeht. Erneuern kann er die SPD nicht. Dazu fehlt ihm alles, und seiner Partei auch. Es bleibt nur eines: das taktische und strategische Element eines AfD-Verbotes. Erste Weichenstellungen, das BVerfG zu politisieren (denn nur ein politisches Verfahren ist ein schnelles Verfahren, und dazu braucht er politische Richter) sind ihm zumindest teil-gelungen.

Doch mit jedem Tag, der vergeht und mit jedem Tag, mit dem die AfD stärker wird (die kommenden Landtagswahlen werden dies deutlich zeigen) wird die Causa prekärer und unkalkulierbarer, erst recht nach dem gestrigen Kölner Richterspruch. Das gilt umso mehr, als dass die äußerst dynamisch auftretende US-Administration längst ein ganz konkretes (Argus-)Auge auf die Entwicklung geworfen hat.

All das macht die Sache für Klingbeil nicht einfacher, faktisch wird sie jeden Tag schwerer. Wird er die Nerven behalten und das Husarenstück wagen? Oder wird er den Dingen ihren Lauf lassen und als einer der zentralen Totengräber der alten Tante SPD in die Geschichte eingeben? Wie gesagt, man darf gespannt sein. Kassandra schließt die SPD jedenfalls in ihre Gebete ein, nur sicherheitshalber.

HB (26. Februar): „Landtagswahlen 2026 – Das sind die aktuellen Umfragewerte in Baden-Württemberg.“

Auch wenn die Leserschaft hier schon weiß, wie die kommenden LTW ausgehen werden, muss diese Umfrage gleichwohl hier erwähnt werden:

Wenn Kassandra Klingbeil also schon lange warnt, dass er es sein wird, der die SPD in die Einstelligkeit führt und, wenn es ganz dicke kommt, zur nur noch dritten Kraft im linken Lager macht, dann zeigt die Umfrage aus Baden-Württemberg, drittgrößtes Flächenland und bekanntlich im Westen, dass der fachfremde BMF schon auf dem besten Wege ist, die kassandrische Prophezeiung zu erfüllen. Da geht noch was, Herr Finanzminister. Bis zu der Wahl nochmal zwei Punkte zu verlieren, das schaffen Sie!

Übrigens: Dass es in Meck-Pomm und RLP besser aussieht, ist ausschließlich dem Amtsbonus geschuldet, den die SPD dort noch genießt. Die MPs dort dürfte sie dort trotzdem beide verlieren.

Prora auf Rügen in Meck-Pomm. Die SPD mit letztem Amtsbonus?

Taktischer (aber keinesfalls strategischer) Gewinner der SPD-Misere: die an ihren ganz eigenen Defiziten krankende Union, die erstens immer noch SPD-Trümmer einsammelt und zweitens nach den fünf LTW statt einem mindestens drei, im besten Falle sogar alle fünf Regierungschefs stellen wird – aber hilflos zusehen muss, wie die Brandmauer zur semi-permeablen Membran wird: offen Richtung AfD, doch dicht für den Weg zurück.

Spannend wird v.a. das Abschneiden der AfD in Sachsen-Anhalt und die Frage (wie die Welt hier erläutert), ob die drei Links-Parteien in Berlin sich einer Koalition mit der stärksten Kraft CDU dort verweigern und lieber R2G regieren. Sollte dies rechnerisch möglich werden, dann wird genau dies passieren; darauf wettet Kassandra (doch um der Wahrheit Genüge zu tun: Bei der letzten Berlin-Wahl hat sie diese Wette verloren; die SPD ist statt mit links-grün tatsächlich mit der CDU zusammengegangen. Ob die Partei diesen „Fehler“ wiederholen wird?).

Der Aktionär (offenbar Mitte Februar): „‘Alle beten für warmes Wetter’ – Gasspeicher nahe kritischer Marke.“

Oben war u.a. die Rede vom energiepolitischen Defizit Deutschlands. In dieser Frage sind die Verantwortlichen in diesem Lande offensichtlich schon beim Beten angekommen. Ob et sisch lohne däät, wird man sehen, aber Kassandra unterstützt jedenfalls. Man hilft ja gern:

Kassandra lässt beten für Land, Wetter und die SPD.

Das zur heutigen Headline anregende Kulturstück findet sich hier:

Diskriminierungsfreie Sprache auf LEITERbAV

LEITERbAV bemüht sich um diskriminierungsfreie Sprache (bspw. durch den grundsätzlichen Verzicht auf Anreden wie „Herr“ und „Frau“ auch in Interviews). Dies muss jedoch im Einklang stehen mit der pragmatischen Anforderung der Lesbarkeit als auch der Tradition der althergerbachten Sprache. Gegenwärtig zu beobachtende, oft auf Satzzeichen („Mitarbeiter:innen“) oder Partizipkonstrukionen („Mitarbeitende“) basierende Hilfskonstruktionen, die sämtlich nicht ausgereift erscheinen und dann meist auch nur teilweise durchgehalten werden („Arbeitgeber“), finden entsprechend auf LEITERbAV nicht statt. Grundsätzlich gilt, dass sich durch LEITERbAV alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen fühlen sollen und der generische Maskulin aus pragmatischen Gründen genutzt wird, aber als geschlechterübergreifend verstanden werden soll. Auch hier folgt LEITERbAV also seiner übergeordneten Maxime „Form follows Function“, unter der LEITERbAV sein Layout, aber bspw. auch seine Interpunktion oder seinen Schreibstil (insb. „Stakkato“) pflegt. Denn „Form follows Function“ heißt auf Deutsch: "hässlich, aber funktioniert".

Alle Bilder von Kassandra ab Februar 2025 sind KI-generiert.

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