„So jung kommen wir nicht mehr zusammen“ lautet ein bekannter Trinkspruch. Doch könnte dieser bald seine Sinnhaftigkeit verlieren? Jedenfalls ist nicht nur die Lebenserwartung, sondern auch das Altern selbst bin hin zu seiner Umkehr längst Gegenstand der medizinischen Forschung – und diese nimmt erheblich an Fahrt auf. Das hat massive Folgen auch für Versicherungsmathematik, und die deutschen Aktuare widmen sich dem Thema systematisch. Ursula Finger blickt zurück und nach vorn.

Neue Technologien und Wirkstoffe haben in der Menschheitsgeschichte seit jeher zu epochalen Umbrüchen geführt. Bemerkenswertes Beispiel: die Brille, deren Erfindung im 13. Jahrhundert verortet wird und die die seinerzeitige Lebensarbeitszeit des Menschen um bis zu 10 bis 20 Jahre erhöht und damit fast verdoppelt hat!
Die durchschnittliche Lebenserwartung erhöhte sich insb. durch die flächendeckende Anwendung der Antibiotika seit den 1950er Jahren um rund 23 Jahre. In den letzten rund 120 Jahren haben medizinische Errungenschaften weltweit die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt (Lifespan) um etwa 30 Jahre erhöht. Die gesund verbrachten Lebensjahre (Healthspan) sind im selben Zeitraum um geschätzt 10 bis 15 Jahre gewachsen – wobei sich der Zugewinn an reinen Lebensjahren schneller vollzog als jener an gesunden Lebensjahren.
„Wenn sich das Altern verschiebt, verändert sich die Grundlage jedes Modells zur Sterblichkeit und Invalidität.“
Eben dieser Trend könnte nun – zum ersten Mal in der Geschichte – aus biowissenschaftlicher Sicht in näherer Zukunft gebrochen werden. Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass sich biologische Alterungsprozesse künftig verlangsamen oder sogar teilweise umkehren lassen könnten. Für Aktuarinnen und Aktuare ist das mehr als eine medizinische Randnotiz: Wenn sich das Altern verschiebt, verändert sich die Grundlage jedes Modells zur Sterblichkeit und Invalidität.
Interdisziplinäre DAV-Arbeitgruppe
Im Jahr 2024 hat die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) die Arbeitsgruppe „Medizinischer Fortschritt“ gebildet, die sich gezielt mit den Auswirkungen biowissenschaftlicher Entwicklungen auf die Versicherungsmathematik mit dem Fokus auf die Lebens- und Krankenversicherung befasst. Dazu wurden die Gruppenmitglieder bewusst interdisziplinär ausgewählt. So wurden neben Aktuaren auch Mitglieder aus den Bereichen Medizin, Biochemie und Molekularbiologie hinzugezogen.
Die Vorgehensweise der Arbeitsgruppe sieht folgende Schritte vor: systematische Erfassung der aktuellen Forschung durch Literaturrecherche und Experteninterviews sowie strukturierte Zusammenfassung der Erkenntnisse inklusive Einordnung nach Themenfeldern, zeitlichen Relevanz und möglicher Auswirkung auf Healthspan und Lifespan.
„Beschleunigt das das Altern die Krankheiten? Oder umgekehrt?“
Diese klassierten Erkenntnisse sollen in eine Entscheidungshilfe für aktuarielle Tätigkeiten sowie nach Möglichkeit in eine Abschätzung der Auswirkungen auf Morbiditäts- und Mortalitätsniveaus und -trends einfließen (z.B. unterteilt nach Altersklassen, sozioökonomischen Gruppen etc.).
Das Altern als eigenes Forschungsfeld
Seit den 1990er Jahren debattiert die Wissenschaft, ob das Altern die Krankheiten begünstigt oder umgekehrt. Im Jahr 2015 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im ICD-11 (der 11. Revision der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) unter dem Kürzel MG2A den Eintrag „Ageing associated decline in intrinsic capacity“ aufgenommen und damit das Altern selbst zum Ziel der medizinischen Forschung erklärt.
Diese Klassifikation löste einen neuen Schub für die Alternsforschung aus und rückt das Altern heute neben Therapien gegen tödliche Krankheiten, der Sportmedizin und dem Lebensstil als eigenständiges Forschungsfeld in den Fokus.
Ob Systematik …
Die Herausforderung, Forschung und Entwicklung als bahnbrechend einzustufen, lässt sich an zwei eindrücklichen Beispielen verdeutlichen. Im 19. Jh. war London die größte Stadt Europas. Wiederkehrende Choleraausbrüche mit zehntausenden Toten und einer Kindersterblichkeit von 50% suchten die Stadt regelmäßig heim. Einen der Ausbrüche beobachtete Dr. John Snow im Jahr 1854. Snow verfolgte systematisch die Aktionen der einzelnen Personen im Ausbruchsgebiet, legte als erster eine epidemiologische Karte an und ermittelte den sog. „Patient Zero“. Als Infektionsquelle machte er eine Pumpe in der Broad Street in Soho aus und veranlasste die Behörden, den Schwengel abzumontieren – die Pumpe ist dort noch heute zu besichtigen. Der Choleraausbruch kam zum Erliegen. 1855 veröffentlichte Snow „On the mode of communication on Cholera“, in dem er der Miasmentheorie (die besagt, dass giftige Dämpfe die Krankheiten verursachen) widersprach und stattdessen die Keimtheorie postulierte.
… ob Zufall …
Alexander Fleming fuhr 1928 in Urlaub und vergaß eine Petrischale in seinem Labor, die mit einer Bakterienkultur von Staphylokokken beimpft war. Nach seiner Rückkehr hatte ein Schimmelpilz die Kultur kontaminiert. Rund um das Pilzmycel hatte sich ein klar abgegrenzter Bereich gebildet, in dem die Bakterienkolonien abgestorben waren – ein Hinweis auf eine antibakterielle Substanz, die der Pilz abgab und die Bakterienkolonien abtötete, und das erste beobachtete Antibiotikum. Fleming nannte es Penicillin.
… doch zunächst ohne Beachtung
Die Entdeckungen von Snow und Fleming haben eine Gemeinsamkeit und etwas trennt sie. Ersterer hat akribisch und systematisch geforscht und daraus seine Ergebnisse erzielt. Letzterer fuhr in Urlaub und verdankt seine Entdeckung dem Zufall. Beide verbindet, dass ihre Arbeiten zunächst nicht beachtet worden waren. Sie hatten bisherige Gewissheiten in Frage gestellt. Es bedurfte des mikroskopischen Beweises durch Koch und Pasteur in den 1870er Jahren, um die Miasmentheorie endgültig durch die Keimtheorie zu ersetzen. Alexander Fleming, Howard Florey und Ernst Chain erhielten 1945 für ihre Entdeckung des Penicillins den Nobelpreis.
Das bedeutet, die systematische Forschung ist unbedingt wichtig, und Expertenmeinungen sind unbedingt in die Betrachtungen einzubeziehen. Dennoch darf man einerseits den Zufall nicht unterschätzen. Zudem ist es wichtig, auch den Mainstream gelegentlich in Frage zu stellen und abweichende Ansichten oder Mindermeinungen einzubeziehen. Selbst Intuition – ein mutiges
Wort im aktuariellen Kontext – kann gelegentlich wertvoll sein.
Denn neben der neuen Idee oder Erkenntnis, den technischen Möglichkeiten und den finanziellen Mitteln muss auch die Zeit für eine Idee reif sein und eine gewisse Notwendigkeit für die Neuerung bestehen. Die schnelle großtechnische Produktion des Penicillins und seine großflächige Anwendung wurde durch den Zweiten Weltkrieg begünstigt.
Übersehen und vergessen
„Fortschritt, den Historiker leicht feststellen, ist für Zeitgenossen nicht leicht zu erkennen“, hat Aldous Huxley einst formuliert. Und im Fall der antibiotischen Wirkung des Schimmelpilzes hätte es Fleming geschehen können, wie seinen Vorgängern: John Scott Burdon-Sanderson (1870), Theodor Billroth (1874) Joseph Lister (1884) und Ernest Duchesne (1894), die alle die bakterizide Wirkung des Schimmelpilzes vor Fleming beschrieben hatten. Letzterer hatte bereits im Jahr 1897 eine Dissertation mit dem Titel „Contribution à l’étude de la concurrence vitale chez les micro-organismes: antagonisme entre les moisissures et les microbes“ (dt.: „Untersuchungen zum Überlebenskampf der Mikroorganismen: Der Antagonismus von Schimmelpilzen und Mikroben“) beim Institut Pasteur in Paris eingereicht, die dort jedoch abgelehnt wurde.
Häufig reichen neue Beobachtungen und deren Kommunikation nicht aus, um Neuerungen tatsächlich anzustoßen. Oftmals müssen zusätzlich bestehende Überzeugungen und institutionelle Widerstände überwunden werden. Irgendwann gilt dann mit Victor Hugo: „Nichts auf der Welt ist so mächtig, wie eine Idee deren Zeit gekommen ist.“
Der Fortschritt macht Tempo
Aktuell stehen unsere Sozialsysteme, insb. Renten- und Krankenversicherung, durch den demographischen Wandel vor Herausforderungen. Die Zeit ist also reif für neue Entwicklungen. Hochleistungsrechner und KI sowie moderne Biowissenschaften gehen mit neuen Plattformtechnologien Hand in Hand.
Plattformtechnologien wie z.B. Lipid-Nanopartikel, die mRNA in Zellen transportieren können und durch Covid19-Impfstoffe der breiten Öffentlichkeit bekannt wurden, sind Vehikel, die universell und standardisiert in der Behandlung mehrerer Krankheitsfelder angewendet werden können. Damit wird die Entwicklung von neuen Medikamenten und Impfstoffen deutlich vereinfacht und beschleunigt.
Kreative Ansätze wie DNA-Origami, bei denen DNA-Stränge nicht als Träger des Erbguts gesehen werden, sondern als präzise formbarer und kostengünstiger Baustoff auf Molekülebene, eröffnen weitere Anwendungsfelder. Damit können in der Zukunft z.B. molekulare Roboter designed werden, die im Körper spezifische Aufgaben übernehmen, wie das selektive Abtöten von Krebszellen.
„Ob der nächste Penicillin-Moment bevorsteht oder bereits hinter uns liegt, wird sich zeigen.“
In der Forschung kann mittlerweile durch KI die Struktur und Faltung von Proteinen so exakt vorhergesagt werden, dass neue Wirkstoffgruppen, die gezielt alternde Zellen im Körper beseitigen, in bisher ungeahnter Geschwindigkeit entwickelt werden können. Der Nobelpreis für Chemie im Jahr 2024 für das KI-Programm AlphaFold prämierte die Entwickler dieses KI-Modells.
Das Innovationspotential ist ebenfalls vorhanden. Auch fließt seit den letzten 15 Jahren viel Geld in die Alternsforschung. Ob der nächste Penicillin-Moment bevorsteht oder bereits hinter uns liegt, wird sich erst zeigen – entscheidend ist, dass wir seine Konsequenzen rechtzeitig verstehen.
Die Roadmap der DAV
Die DAV sucht aktiv den Austausch mit Experten aus Medizin, Wissenschaft und Forschung, um sachkundige Einschätzungen zum Stand der aktuellen Entwicklungen sowie des potenziellen Repurposings (Umwidmung vorhandener Medikamente für andere Zwecke) zu bekommen. Sie führt parallel zur Analyse neuer Studien zurzeit Interviews durch, die als Basis für Verschriftlichungen (z.B. für externe DAV-Publikationen oder als DAV-interne Information) genutzt oder in Form von Podcasts veröffentlicht werden.
Die Auswertung der insgesamt gewonnenen Erkenntnisse soll in ein Ergebnispapier einfließen, das den Aktuaren in verschiedenen Rollen (z.B. als Verantwortlicher Aktuar, als Versicherungsmathematische Funktion, in Risikokontroll- und -managementfunktion oder als Produktentwickler bzw. -überwacher) als allgemeine Arbeitshilfe dient:
Quelle: Heubeck AG, DAV. Grafik zur Volldarstellung anklicken.
Dabei wird eine konkrete Relevanz für folgende Themen gesehen: HGB-Nachreservierung, Steuerbilanz, Governance of Assumptions for Best Estimate Liabilities (Solvency II und IFRS 17), Szenarioentwicklung für ORSA und ERB sowie Product Oversight and Governance.
Auf der 125-Jahrfeier der DAV in Berlin vom 26.bis 28. April 2028 wird das Thema medizinischer Fortschritt und Lebenserwartung einen wichtigen Themenkomplex darstellen; ob Zufall oder nicht: 100 Jahre nach der Wiederentdeckung des Penicillins durch Alexander Fleming.
Das zur heutigen Headline anregende Kulturstück findet sich hier:
Die Autorin ist Beraterin der Heubeck GmbH in Köln. Der Beitrag beruht auf einem Vortrag von ihr, gehalten auf dem Heubeck-Kolloquium am 23. September 2025 in Köln.
Von ihr und anderen Autorinnen und Autoren der Heubeck GmbH sind zwischenzeitlich auf PENSIONS●INDUSTRIES erschienen:
Lifespan, Healthspan, DAV: Die Beitragsbemessungsgrenze ab 2027: Pensions-Gruppe auf der DAV-Jahrestagung: Die Beitragsbemessungsgrenze ab 2026: Der BFH zu wertpapiergebunden Zusagen: Heubeck Kolloquium 2024 – Full House für die bAV: 18. IVS-Forum: Die Beitragsbemessungsgrenze ab 2025 – Jump wie noch nie (II): Die Beitragsbemessungsgrenze ab 2025: Wachstumschancen-Gesetz: DAV/DGVFM-Jahrestagung 2023 in Dresden (VI): Heubeck-Kolloquium 2022: 15. IVS-Forum: Konkretisierungen aus der Wilhelmstraße: BAG zur Einstandspflicht des Arbeitgebers: BAG urteilt zum 16er:
Für immer jung?
von Dr. Ursula Finger, 29. Januar 2026
Regelbasiert nach oben
von Sebastian Vincke und Marius Jakobs, 12. Dezember 2025
In der Ehe länger leben?
von Hanna Lehment, 28. Juli 2025
Weiter ganz schön sprunghaft …
von Sebastian Vincke und Marius Jakobs, 8. Mai 2025
Von Klatschen und Pflöcken
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von Marius Jakobs und Dr. Friedemann Lucius, 11. September 2024
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von Alexander Bauer, 21. Juli 2020
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von Alexander Bauer, 26. Mai 2020


























