In dem nur äußerst unregelmäßig erscheinenden Ressort PENSIONS●INDUSTRIES Feuilleton gibt es auch Länder- und Städteberichte aus Deutschland und Europa mit Impressionen – fotolastig, rein subjektiv, komplett amateurhaft und völlig OFF TOPIC, also to whom it may concern only! Heute: Von Katzen auf Kykladen, von kleiner und von großer Stille, 87 Seelen, sandigen Wegen, ruhigen Tavernen und von einem Rhythmus des Lebens wie aus einer anderen Zeit. Uwe Romanski schildert Eindrücke und Erinnerungen aus einem Refugium, das das Größte unter den Kleinen ist.
Versteckt zwischen den größeren Nachbarn Naxos und Amorgos liegen sie wie verstreute Perlen im tiefblauen Meer: die Kleinen Kykladen. Winzige bis mittelgroße Inseln, manchmal nur mit einer Handvoll Ortschaften, deren Charme in ihrer Schlichtheit liegt. Hier wirkt der Rhythmus des Lebens noch wie aus einer anderen Zeit – unaufgeregt und geprägt von Meer und Wind, von Sonne und von Stränden und vor allem: von Katzen.
Inseln ohne Namen
Donousa ist eine dieser Inseln, die größte der Kleinen Kykladen, dabei keine 15 Quadratkilometer klein, und die Orte sind so winzig, dass die meisten erst gar keine Namen haben. Auf einer Karte muss man Donousa regelrecht suchen, und doch ist das Eiland voller Eindrücke. Weiße Häuser strahlen oberhalb des kleinen Hafens um die Wette. Katzen liegen auf warmen Steinen, während Fischerboote am Morgen auslaufen und am Abend zurückkehren mit frischem Fang.

Statt lauter Boulevards gibt es sandige Wege und stille, einfache Tavernen, in denen die Menschen einem nach wenigen Tagen schon vertraut sind. Abseits touristischen Irrsinns wie auf Mykonos oder Santorin ist Donousa ein Refugium für alle, die Ruhe, Gelassenheit und Ursprünglichkeit suchen. Wer hier ankommt, spürt: Viel braucht es nicht, ein paar Stunden Fähre, ein offener Blick und vielleicht einen ersten Sprung ins kristallklare Wasser der Ägäis.
Ankommen kann so einfach sein
Ab Naxos kostet die Fahrt ins Paradies der Stille und Genügsamkeit gerade mal acht Euro, dauert rund zweieinhalb Stunden. Eine überschaubar große Fähre namens „Skopelitis“ – was für unsere Ohren recht medizinisch klingt – pendelt zwischen den Inseln der Kleinen Kykladen.

Nur wenige Passagiere werden in Donousa mit uns aussteigen. Eine Woche bleiben wir. Das ist eine gute erste Zeit für dieses Kleinod. Unsere vor etlichen Jahren aus Deutschland ausgeheiratete Gastgeberin Loni erwartet uns bereits mit einem Fahrer. Sie strahlt ab der ersten Begegnung eine Freundlichkeit und Herzlichkeit aus, die ansonsten auf diesem Eiland eher seltener zu finden oder zu spüren ist.

Das hat verständlicherweise sogar System; doch dazu später. Unser Fußweg wäre im Übrigen nur fünf Minuten. Aber Loni will es uns einfach komfortabel machen und denkt, wir rollen mit schwerem Gepäck an. Wir haben jedoch Urlaub, wir brauchen nicht viel.
Viermal so viele Katzen wie Einwohner
Erster Abend, in der „Insel-Hauptstadt“ Stavros: Dimitri. Hat viele Jahre in Berlin Kreuzberg gelebt. Erzählt uns, dass gerade einmal 86 Menschen auf Donousa leben; ehe er sich korrigierte. „Quatsch, es sind 87. Ich zähle ja nun auch dazu.“ Zurückgekehrt, genießt er nun sein abendliches Bier in einer der hiesigen Hafen-Tavernen. Deutschland und vornehmlich die langen „Kreuzberger Nächte“ hatten aus ihm einen Biertrinker gemacht.

Ach ja, Deutsche, zudem Berliner, sind hörbar gut präsent auf der Insel. Dazu kommen Griechen, Italiener, Holländer und Skandinavier – die üblichen touristischen Verdächtigen halt und in der Summe den Bewohnern auch jetzt am Saisonausklang noch überlegen – aber vermutlich immer noch in ihrer Anzahl bloß zweistellig. Asiatische Touristen gibt es hier gar nicht, vielleicht der beste Beweis für eine unspektakuläre Destination.

Genauso gelassen wie die Menschen, doch sichtlich präsenter sind die Katzen. Es soll auf der Insel weit über 300 davon geben, die in einem speziellen Projekt betreut werden. Das kann man gern unterstützen, mit einem bedruckten Stoffbeutel für zehn Euro ist man dabei.

Nach des Autors Eindruck hat die Katze den einst legendären Postkarten-Esel als griechisches Wappentier ohnehin längst abgelöst; zumindest auf Inseln wie Donousa – und nicht nur da.
Ein Plan für`s nächste Leben? Lehrer auf Donousa
Dimitri korrigiert sich: „Eigentlich müssten die 14 Lehrer noch dazugezählt werden. Schließlich leben die außer in den Ferien ja auch hier.“ Er erinnert sich. Wir hören zu. Ursprünglich stammte Dimitris Familie aus der Gegend um Izmir. In den 1920er Jahren wanderten seine Vorfahren aus der Türkei gen Griechenland aus. Die Nöte östlich der Ägäis schienen dazumal noch schlimmer gewesen zu sein. Wie sich im Gespräch mit einem anderen Gast-Berliner türkischer Provenienz herausstellt, war er nicht der Einzige mit derartigen Wurzeln. Der 1. Weltkrieg hatte in Europa vieles durchgerüttelt: politisch, ökonomisch, menschlich. Weitere Krisen und Kriege standen bevor, es kam zu der bitteren griechisch-türkischen Völkerwanderung, die rund 2 Mio. Menschen erfasste und die jahrtausendealte griechische Besiedlung Kleinasiens für immer beendete. Ein guter Urlaub ist ja immer auch ein bisschen Geschichtsunterricht.

Unterricht ist ein gutes Stichwort. Von den knapp 90 Einwohnern könnten geschätzt ca. ein Drittel Kinder sein, also sagen wir, es gibt 30 Kinder auf der Insel. Das bedeutet bei 14 Lehrern einen „Betreuungsschlüssel“ – um mal unverblümt in die deutsche Amtssprache zu wechseln – von etwas über 1:2. Derartige Perspektiven ließen einen offenbar deutschen Lehrer in einem Kykladen-Forum zu dem Ausruf hinreißen: „In meinem nächsten Leben werde ich Lehrer auf Donousa.“ Loni sagt uns mit gewissem Stolz, dass hier vom Schulanfänger bis zur Oberstufe unterrichtet wird.
Eine Insel mit antikapitalistischer Attitüde
Donousa ist nicht käuflich. Ganz anders als auf Mykonos oder Santorin scheint das typische Verkäufer-Gen hier nur homöopathisch ausgeprägt. Eher typisch: eine gewisse Muffligkeit und das Fehlen jeglicher Anreize, hier „shoppen“ zu gehen. Erstens gibt es weniger Boutiquen als Finger an einer Hand, zweitens lassen die Verkäufer einen auch komplett in Ruhe. Sagen wir es so: Konsumrausch fühlt sich anders an. Auch Fragen oder Bestellungen werden etwa in der schon von Ferne wunderbar duftenden Bäckerei oder im kargen Supermarkt nicht so gern gehört. Und schon gar nicht beantwortet. Das mag auch daran liegen, dass eine lange Saison hinter den Einwohnern liegt.

Wobei, es gab auch eine Ausnahme: Als wir zu abendlicher Stunde in einem abseits gelegenen Laden vorbeischauen, gibt es im Theros Shop einen großen Raki aufs Haus. Leider finden wir nix Brauchbares in den Regalen, was den freundlichen Gastgeber jedoch nicht bekümmert. Wie Loni zählt er zu den menschlichen Gegenentwürfen hier. Loni erzählt uns auch, dass die bis dato kaum erschlossene Nachbarinsel Amorgos zukünftig Kreuzfahrtschiffe zulassen will; für sie wie für „ihre“ Insel eine blanke Horrorvorstellung. Hier wird Lebensqualität auf keinen Fall gegen Geld getauscht.
Abhängen inklusive – am wilden Strand
Donousa hat schöne Strände, die mal mehr oder weniger einfach oder schnell erreichbar sind. Die Wege sind markiert, zwischen fünfzehn Minuten bis zu knapp anderthalb Stunden können die Wanderungen vom Hauptort dauern. Regelmäßig pendelt ein kleiner Bus hin und her und entlässt Touristen an Strände mit wunderschön blau schimmernden Buchten. Zur perfekten Einstimmung gibt es auf jeder Fahrt griechische Musik über die Lautsprecher. Man möchte fast tanzen im Bus. Leer genug ist das Gefährt in der Nebensaison allemal. Auch ein kleiner Kutter bringt die Strandfreunde an Land und holt diese zuverlässig wieder ab. Manchmal kommt noch ein Schnorchelstopp in einer nahen Grotte dazu.

Bloß keine Hektik, ist ein Motto hier. Das gilt auch für so manchen Strand, Kedros zum Beispiel. Hier wird seit vielen Jahren hippiesk und wild gezeltet, gekifft und geflirtet – auch von Dauercampern wie Thassos mit seinem struppeligen Hund. Oder war es umgekehrt, und war Thassos der Hund und der andere der Strupplige? Ein bisschen erinnert er mich an Steve Jobs. Wer weiß, vielleicht ist der ja nur ausgestiegen? Tom Hanks hat ja schließlich auch ein Haus auf einer der Inseln hier. Wie einst auch der legendäre Leonard Cohen, allerdings auf Hydra, die zu den Saronischen Inseln zählt.

Meine Partnerin, die die Weltecke hier kennt, weist mich darauf hin, dass die Kykladen wie die Ägäis zu den von Touristen weltweit meist frequentierten Gebieten zählen. Gut, wenn Donousa dabei noch eine Weile außen vor bliebe.
Griechischer geht´s kaum, entspannter auch nicht
Donousa liegt abseits, quasi im Windschatten des mächtigen Naxos, und zählt insb. außerhalb saisonaler Stoßzeiten zu den ruhigsten und demzufolge entspanntesten griechischen Inseln. Hier gilt Gelassenheit pur, immer so weit, wie individuell gewünscht. Rollkoffer-Geräusche sind Gottseidank eher selten zu vernehmen. Auch Squads oder Autos nerven kaum. Manchmal knattert ein Moped. Eher hört man einen Priester beim Singen (zu), einen Hahn beim Krähen oder manchmal ein paar Katzen sich streiten. Ziegen klettern, Eidechsen huschen.

Wir schlafen früh ein und gut durch und überlegen uns, was wir für Donousa ganz im Sinne der Einheimischen empfehlen: Vielleicht entweder gleich ganz weg oder möglichst unauffällig bleiben, keine Fragen stellen und am besten alles still genießen. Es gibt ohnehin keine Alternativen. Auch nicht viel Auswahl im einzigen noch geöffneten Supermarkt. Zumal es jetzt Ende September dort weder Fleisch noch Fisch zu kaufen gibt. Zu verderbliche Waren. Für die paar Touristen lohnt der Aufwand nicht mehr. Einheimische haben noch andere Quellen. Wir bleiben also die Woche über bei Käse, frischem Brot und Gemüse, bei Retsina und Ouzo. Bekömmlicher Wein ist zu teuer, ausverkauft oder wird uns aus eben jenen „antitouristischen“ Motiven vorenthalten. Wir nehmen`s gelassen. Jámas!
Zum Abschied: Kleine Fähre, große Wellen, schöne Aussichten
Der letzte Tag. Der Abschied. Dank Lonis Gastfreundschaft und Apartments und nach einer herrlichen und gesunden Woche betreten wir mit unseren Seglertaschen erneut die „Skopelitis“. Bis zum nächsten Ziel dauert es knapp eine Stunde Fährfahrt. Wir sind entspannt. Das ist auch besser so. Denn uns stehen stürmische Zeiten bevor. Der um diese Jahreszeit eigentlich ebenfalls schon entspannt sein sollende stürmische „Meltemi“ schaukelt unser kleines Schiff martialisch durch. Vermutlich stecken auch dahinter die Einheimischen. Damit sie weiterhin unter sich bleiben können. Fans kniffliger Parksituationen können gern mal einen Blick auf das maritime Autodeck werfen. Sind es fünf, sechs oder gar sieben Autos? Egal, zwischen den kreuz und quer geparkten Fahrzeugen liegen meist nur Zentimeter. Eine stürmische See könnte diesen Abstand natürlich ausreizen. Oder soll etwa auch so manche Delle im Lack vor einer möglichen Wiederkehr warnen?

Jedenfalls fällt es uns im Auf-und-Ab gewaltiger Wellenberge schwer, den Horizont und unsere nächste Insel zu fixieren: Koufonisia. Was soll ich sagen? Die ist nicht minder schön. Und noch kleiner …
Also, liebe Leserschaft, besuchen Sie Donousa, genießen Sie die Ruhe, doch teilen Sie diesen Artikel mit Bedacht. 87 Seelen werden es ihnen danken.
Uwe Romanski ist freier Autor in Berlin.
Anm.d.Red.:
Alle Fotos: Uwe Romanski.
Santorin, Santorini …Die Schreibweisen mancher griechischen Inseln „variieren“, mal so, mal so: griechisch, englisch, eingedeutscht.
In der Reihe Länder- und Städteberichte Deutschland und Europa sind im PENSIONS●INDUSTRIES-Feuilleton zwischenzeitlich bereits erschienen:
Donousa in der südlichen Ägäis
7. März 2026
Binz, Prora und Sellin auf Rügen
5. Mai 2025
London – Bermondsey und Borough Market
6. Juli 2024
Kreta – die Hauptstadt und der Süden
15. Oktober 2023
2come soon:
Erfurt
Bad Gastein
Prag, Brünn und Olmütz
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