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Transparenz, Finanzierung, Langfristprojektionen:

Die DRV Bund braucht einen Chefaktuar!

Jede Pensionskasse, jeder Lebensversicherer hat einen und muss ihn auch haben: den Verantwortlichen Aktuar, der die Finanzlage überwacht. Doch die mit Abstand gewaltigste Vorsorgeinstitution des Landes, die gesetzliche Rentenversicherung, verzichtet auf einen Chefaktuar, und das, obwohl sich ihre Finanzlage langfristig dramatisch zuspitzt. Das muss anders werden, schreibt Reinhard Dehlinger. Ein Plädoyer.

Die Bundesregierung hat gemäß Sozialgesetzbuch den gesetzgebenden Körperschaften jährlich einen Rentenversicherungsbericht vorzulegen. In dem Bericht werden Finanzlage und Finanzentwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung dargestellt.

Reinhard Dehlinger

Darüber hinaus ist deren Entwicklung in den künftigen 15 Kalenderjahren darzustellen. In dem Bericht muss außerdem geprüft werden, ob sich sowohl das Sicherungsniveau vor Steuern in der gRV als auch der Beitragssatz in den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzen bewegen.

Blick voraus für 15 Jahre

Der jüngste Rentenversicherungsbericht für das Kalenderjahr 2024 enthält keine Aussagen zur Finanzierung der Rentenversicherung nach dem Jahr 2039, da nur die Entwicklung in den künftigen 15 Jahren dargestellt wird. Ebenso fehlen im Bericht Angaben, wie sich mögliche Reformen auf Beitragssatz und Bundeszuschüsse nach 2039 finanziell auswirken.

Für rentenpolitische Entscheidungen der Bundesregierung ist es jedoch notwendig, zu wissen, wie sich Rentenniveau, Beitragssatz und Bundeszuschüsse zur Rentenversicherung über besagte 15 Jahre hinaus entwickeln.

185 Milliarden obendrauf bis 2039, aber …

Im Jahr 2025 wurde das Rentenpaket zur Sicherung des Rentenniveaus von 48% bis 2031 und für die Mütterrente III vom Bundestag beschlossen, ohne dass die Bundesregierung die durch das Rentengesetz verursachten zusätzlichen Bundeszuschüsse bis zum Jahr 2050 und darüber hinaus bezifferte.

Nach dem jüngsten Rentenversicherungsbericht betragen die zusätzlichen (!) Bundeszuschüsse für den Zeitraum 2026 bis 2039 122 Mrd. Euro für die Haltelinie von 48% und knapp 63 Mrd. Euro für die Mütterrente III, zusammen 185 Mrd. Euro; zum Größenvergleich: 2025 hat der Bund als jährlichen (!) Zuschuss insg. 122,5 Mrd. Euro überwiesen, Tendenz weiter sehr dynamisch.

480 bis 500 Milliarden Euro bis 2050

Externe Gutachten belegen die Dynamik der zusätzlichen Bundeszuschüsse nach dem Jahr 2039. Nach diesen Berechnungen werden die Steuerzahler durch das Rentengesetz bis zum Jahr 2050 mit 480 bis 500 Mrd. Euro zusätzlich (!) belastet. Von 2040 bis 2050 fallen also weitere 300 Mrd. Euro an zusätzlichen Bundeszuschüssen an, die der Rentenversicherungsbericht nicht erfasst.

Zu kurz gedacht

Gemäß gesetzlichem Auftrag muss der Rentenversicherungsbericht wie eingangs erwähnt außerdem prüfen, ob sich das Sicherungsniveau und der Beitragssatz der Rentenversicherung in den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzen bewegen. Dieser Auftrag ist angesichts der Finanzierungsprobleme der Rentenversicherung unzureichend. Für rentenpolitische Entscheidungen sind Projektionen notwendig, wie sich das Rentenniveau, der Beitragssatz und die Bundeszuschüsse nach derzeitigem Gesetzesstand bis zum Jahr 2100 entwickeln. Reformen der Rentenversicherung müssen durch langfristige Projektionen finanziell abgesichert werden.

Blick nach Westen: Transparenz …

Für eine Darstellung der Entwicklung des Rentenniveaus, des Beitragssatzes und der Bundeszuschüsse über künftige 15 Jahre hinaus ist eine versicherungsmathematische Langfristprojektion der gRV erforderlich, die Best Estimate-Annahmen zur Sterblichkeit und Erwerbsminderung der Versicherten, zur Demografie und zum Einkommenswachstum verwendet.

Die sozialen Rentenversicherungen der USA (Social Security) und Kanadas (Canada Pension Plan) sind bereits seit Jahrzehnten gesetzlich verpflichtet, einen Aktuarbericht in jährlichem bzw. dreijährigem Abstand zu erstellen. Adressaten der Berichte sind die zuständigen Minister und die Parlamente. Informiert wird über Einnahmen, Ausgaben und Vermögen der Rentenversicherung einschließlich versicherungsmathematischer Projektion dieser Größen über die künftigen 75 Jahre. Die Berichte verantwortet ein Chief Actuary mit Unterstützung eines Actuarial Office.1

Die jeweiligen Aktuarberichte in den USA und Kanada schaffen Transparenz über die langfristige, zukünftige Entwicklung der Rentenversicherung in diesen Ländern und zeigen der Regierung politischen Handlungsbedarf auf.

und Handlungsbedarf

Für die Social Security der USA dokumentiert der 2025 veröffentlichte Bericht, dass die Nachhaltigkeitsreserve im Jahr 2033 verbraucht sein wird. Die zuständige Chefaktuarin hat mögliche, politische Maßnahmen beschrieben. Das Finanzministerium und Mitglieder des Kongresses sind aktiv geworden, um die Finanzierung der Renten in den nächsten Jahrzehnten sicherzustellen.

Für den Canada Pension Plan belegen die Projektionen des letzten Aktuarberichts, dass der aktuelle Beitragssatz bis zum Jahr 2100 beibehalten werden kann. Die Renten sind bis dahin durch die künftigen Beiträge und die Kapitalerträge gesichert finanziert.

Versicherer, Pensionskassen, Pensionsfonds, aber …

In Deutschland sind alle Lebensversicherungsunternehmen und Pensionskassen/-fonds verpflichtet, einen Verantwortlichen Aktuar zu ernennen, der die Finanzlage des Unternehmens bzw. der Pensionskasse überwacht und darüber in einem jährlichen Aktuarbericht informiert.

aber nicht die größte Einrichtung von allen?

In der gRV sind rd. 60 Mio. Menschen versichert. Bis zum Jahr 2050 wird die Rentenversicherung insgesamt Renten in Höhe von insgesamt ca. 15.000 Mrd. Euro ausgezahlt haben.

Dennoch gibt es keine politisch unabhängige Funktion eines Chefaktuars in der Deutschen Rentenversicherung Bund, der die Finanzlage der Rentenversicherung überwacht und deren langfristige Finanzierung in einem Aktuarbericht darstellt.

Der bisherige Rentenversicherungsbericht schafft keine Transparenz für die langfristige Finanzierung der Rentenversicherung. Reformen der Rentenversicherung können langfristig nicht finanziell abgesichert werden. Deshalb folgender Vorschlag für die Rentenkommission:

• Einrichtung eines Aktuariats in der DRV Bund; die dort beschäftigten Aktuare und Aktuarinnen sind ausdrücklich dem Gesetz und ihren Berufsstandesregeln verpflichtet.

• Ernennung eines Chefaktuars/einer Chefaktuarin zur Leitung des Aktuariats.

• Der Chefaktuar/die Chefaktuarin wird gesetzlich beauftragt, der Bundesregierung jährlich einen Aktuarbericht über die Entwicklung der Rentenversicherung vorzulegen und in Projektionen über die künftigen 75 Jahre die jährlichen Einnahmen und Ausgaben der Rentenversicherung, das jährliche Rentenniveau, den Beitragssatz und die gesamten Bundeszuschüsse darzustellen. Der Rentenversicherungsbericht wird abgeschafft.

Der Autor ist Aktuar (DAV) und war bis 2018 Vorstandsmitglied der Bayerischen Versorgungskammer und Bereichsleiter der Bayerischen Ärzteversorgung in München.

Von ihm sind zwischenzeitlich auf PENSIONSINDUSTRIES erschienen:

Transparenz, Finanzierung, Langfristprojektionen:
Die DRV Bund braucht einen Chefaktuar!
von Reinhard Dehlinger, 10. März 2026

Finanzierungsverfahren in der öffentlich-rechtlichen Altersvorsorge:
Abschnitt, offen, ewig
von Reinhard Dehlinger, 2. Oktober 2023

Wenn schon nicht Aktienrente, dann Riester-Reform:
Leistungen und Verbreitungsgrad verdoppeln
von Reinhard Dehlinger, 27. März 2023

Das Konzept der Aktienrente – eine Bewertung:
Teurer, länger, schwieriger
von Reinhard Dehlinger, 13. Juli 2022

 

1) The 2025 OASDI Trustees Report (Social Security, USA): Actuarial Report (32nd) on the Canada Pension Plan – Office of the Superintendent of Financial Institutions

Diskriminierungsfreie Sprache auf LEITERbAV

LEITERbAV bemüht sich um diskriminierungsfreie Sprache (bspw. durch den grundsätzlichen Verzicht auf Anreden wie „Herr“ und „Frau“ auch in Interviews). Dies muss jedoch im Einklang stehen mit der pragmatischen Anforderung der Lesbarkeit als auch der Tradition der althergerbachten Sprache. Gegenwärtig zu beobachtende, oft auf Satzzeichen („Mitarbeiter:innen“) oder Partizipkonstrukionen („Mitarbeitende“) basierende Hilfskonstruktionen, die sämtlich nicht ausgereift erscheinen und dann meist auch nur teilweise durchgehalten werden („Arbeitgeber“), finden entsprechend auf LEITERbAV nicht statt. Grundsätzlich gilt, dass sich durch LEITERbAV alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen fühlen sollen und der generische Maskulin aus pragmatischen Gründen genutzt wird, aber als geschlechterübergreifend verstanden werden soll. Auch hier folgt LEITERbAV also seiner übergeordneten Maxime „Form follows Function“, unter der LEITERbAV sein Layout, aber bspw. auch seine Interpunktion oder seinen Schreibstil (insb. „Stakkato“) pflegt. Denn „Form follows Function“ heißt auf Deutsch: "hässlich, aber funktioniert".

Alle Bilder von Kassandra ab Februar 2025 sind KI-generiert.

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