GIF_HP_v4_Halfsize

Das Forum für das institutionelle deutsche Pensionswesen

Kassandra – Die kommentierte Presseschau zur bAV:

Kassandra: Gott hat uns das Amt gegeben

Unregelmäßig freitags bringt PENSIONSINDUSTRIES eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: Der halbe deutsche Mittelstand im Pensions-Risiko,Sozialhilfe-Rekord bei Rentnern, die EU schafft Arbeitsplätze, bitte über Tracker nachdenken. Und schließlich: „Gott hat uns das Amt gegeben, so lasst es uns genießen.“

Alte Leipziger (4. Juli): „Betriebliche Altersversorgung: Unentdeckte Risiken für den Mittelstand.“

Alarm, Alarm, wir haben Deckungslücken entdeckt! Wenn der deutsche Mittelstand wüsste, in welcher Gefahr er schwebt!

Also jetzt mal langsam und eins nach dem andern.

Zunächst einmal will die Alte Leipziger unentdeckte Risiken entdeckt haben. Zitat aus ihrer Pressemitteilung:

Die Ergebnisse zeigen u.a., dass die Hälfte der befragten Mittelständler, die Direktzusagen anbieten, Deckungslücken in ihren Pensionszusagen haben – z.B. für die Altersversorgung ihrer Gesellschafter-Geschäftsführer.“

Deckungslücken? Ja, das ist sicher so. Und von (k)einer Handvoll Ausnahmen abgesehen, haben auch praktisch alle DAX- und MDAX-Unternehmen Deckungslücken in ihren Zusagen. Welches Unternehmen ist schon fully funded? Coba, Deutsche, und dann? Und auch das erst seit der Zinswende. Wenn also die andere Hälfte des Mittelstandes voll ausfinanziert ist, dann ist eher das bemerkenswert.

Richtig ist in der Tat: Schlecht gemanagte GGF-Versorgungen können Betrieb (häufiges Stichwort: vGA), Verkauf und Nachfolge im Mittelstand sehr verkomplizieren, und richtig ist sicher auch, dass nicht wenige Mittelständler sich dessen nicht recht bewusst sind (v.a. nicht der Tatsache, dass sie bei einer GGF-Zusage nicht einfach auf diese verzichten können. Ihre MA tun dies aber ohnehin nicht).

Aber: Zu entdecken gibt es da nichts. Sondern es handelt es sich hier um ein seit mindestens zwei Jahrzehnten diskutiertes Thema. Allerdings sollte man eigentlich erwarten können, dass jedem Mittelständler, der sein Unternehmen erfolgreich führt oder zumindest seine Bilanz lesen kann, klar ist, dass eine rückstellungsfinanzierte Direktzusage am Ende des Tages zu bezahlen ist (wie übrigens alle anderen Schulden auch) und dass das weiterhin Steuer- und Bilanzwirkungen hat. Und dazu braucht man selbstverständlich irgendwann Cash. Ob man diesen Cash besser vorher per Outside Funding anspart oder als Rücklagen im Unternehmen hält (und dort mit dem Geld arbeitet) bzw. sein Unternehmen so gestaltet, dass die Direktzusagen für Ruheständler aus dem Cashflow bestritten werden, ist jedenfalls von vielen Parametern im Einzelfall abhängig und alles andere als per se ein Risiko.

Grundsätzlich gilt auch im Mittelstand das, was auch für große Unternehmen gilt und auf dieser Seite regelmäßig diskutiert wird: dass es immer gute Gründe für und immer gute Gründe gegen ein Outside Funding gibt und sicher kein Schwarz und Weiß.

Es sei erneut, hier aber mit Blick auf den Mittelstand daran erinnert, dass das Vorhandensein bzw. das Zusammenwirken von 253 HGB und 6a EStG, Planvermögen und Deckungslücken am Ende ceteris paribus keinen Einfluss auf die tatsächliche Rentenzahlung, deren Höhe und deren Cashflow-Effekt für das Unternehmen haben, ganz zu schweigen von der Verpflichtung hierzu. Dass das unwiderrufliche Ausfinanzieren/Auslagern von Rückstellungen nichts mit einer besseren Insolvenzsicherheit des Unternehmens zu tun hat (c.p.ist wegen der unwiderruflich verlorenen Cash-Manövriermasse eher das Gegenteil der Fall). Dass der deutsche Gesetzgeber wegen der vielfältigen Ambivalenz der Problematik aus guten Gründen die Rückstellungsfinanzierung explizit zulässt. Dass – im Fall CTA – für jede Unternehmensspitze, die überzeugt ist, mit ihren Plan Assets an den Kapitalmärkten höhere Returns zu erzielen, als wenn sie die Mittel im eigenen operativen Kerngeschäft arbeiten lässt, sich bei einer konsequenten Fortführung dieses Gedankens nur eine Handlungsmaxime ergibt: Unternehmen liquidieren und stattdessen Asset Manager werden.

Secondary Investments im Aufwind:
Mit dem Zweiten kauft man besser?

Jedenfalls ist es, und das ist in diesem Medium schon mehrfach diskutiert worden, mindestens fragwürdig, allein durch die Tatsache einer Entscheidung für oder gegen ein Funding Risiken ausmachen zu wollen und dies auch noch per Pressemitteilung in der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Hier ist immerhin nur von „Risiken“ die Rede, aber wir hatten in der Vergangenheit schon Studienautoren und Journalisten, die hier Begriffe wie den der „Zeitbombe“ in die Welt gesetzt haben, ähnliches kennt man, wenn echte Spezialisten EIOPA-Stresstest interpretieren – und das ist nichts, was wir in der bAV brauchen.

Anmerkung am Rande: Der z.B. weiland von der Welt gewählte Terminus Zeitbombe trifft es ohnehin nicht, da Pensionslasten sich langsam entwickeln. Und derzeit ist zumindest bilanziell genau das Gegenteil der Fall – langsam, aber sicher bauen sie sich nach 253 HGB ab.

Jedenfalls sei jeder Akteur auf unserem Parkett gemahnt, in seiner Kommunikation gegenüber Presse und Öffentlichkeit behutsam und ausgewogen vorzugehen und auf pauschale Angst-Aussagen zu verzichten. Im vorliegenden Fall ist auch egal, was in der Studie steht (die Redaktion hat sie gar nicht erst angefordert), denn zuerst zählt immer das, was man per Pressemitteilung prägnant an die Presse gibt.

AUSSERDEM AKTUELL IM
PENSIONSINDUSTRIES Feuilleton:
Länder- und Städteberichte
Deutschland und Europa:
London
Bermondsey und Borough Market

Wie dem auch sei, die Alte Leipziger hilft offenbar gern. Jedenfalls versäumt sie selbst in ihre Pressemitteilung zu der Studie nicht, dass „die Alte Leipziger Firmen ein kostenloses Erstgespräch anbietet, um sich zum Thema Pensionsverpflichtungen zu informieren und beraten zu lassen.“ Man darf gespannt sein, ob sich Journalisten finden, welche das freundliche Angebot an ihre Leserschaft weiterreichen.

Die Welt (5. Juli): „‘Zu entwürdigender Armut verdammt’ – Sozialhilfe bei Rentnern auf Rekordhoch.“

Jetzt mal zu richtigen Deckungslücken. Und hier zu einem alten Thema, das uns dauerhaft erhalten bleiben wird. Und egal, welcher der beiden Haltungen in dem Beitrag – BSW vs. DRV – man zuneigt, und auch ungeachtet der Tatsache, dass diese Rentnergeneration insgesamt die vermutlich bestversorgte überhaupt ist – Sie wissen schon, liebe Leserin, lieber Leser:

Das hier sind die guten Zeiten. Die schlechten kommen erst noch.

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN

Die Welt (31. Mai): „Geldwäsche: EU beschließt Obergrenze für Bargeld.“

Zitat aus dem Beitrag: „Um die Regeln zu überwachen, ist in Frankfurt eine neue Behörde geplant: die Anti-Money Laundering Authority (AMLA).“

Wunderbar. Da sage noch einer, die EU Politik schaffe nicht auch Arbeitsplätze.

Die Welt (12. Juni): „Valeriias Leiche im Unterholz gefunden – Neunjährige wurde getötet.“

Bild (26. Juni): „Jäger Olaf suchte immer wieder am Fundort nach Arian (6): „Unerklärlich, dass wir Arian nicht gefunden haben.“

Beide Fälle entsetzlich. Und die Schlagzahl solcher Meldungen legt zumindest gefühlt immer weiter zu. Kassandra erlaubt sich, hier auf ihre Fronleichnams-Presseschau vom 30. Mai zu verweisen, in der unter OFF TOPIC das Thema Kinder und elektronische Tracker in einem etwas anders gelagerten Zusammenhang diskutiert wurde. Die Sinnhaftigkeit bestätigt sich immer wieder, immer öfter.

Bild (3. Juli): „Reisekasse leer gefegt: Parlamentspräsidentin verhängt Spesen-Sperre.“

Zum Schluss endlich etwas positives: Die Welt ist groß und schwer was los. Das wissen auch die deutschen Bundestagsabgeordneten*innen, und besonders wenn man es nicht selbst bezahlen muss, ist es natürlich umso interessanter, diese Welt zu bereisen. Und wenn man damit noch dem Wohle des deutschen Volkes dient: umso besser.

Wohldotierte Posten und Pöstchen und massive Fördergelder für Vertraute/Genossen/Unterstützer, sündhaft teure Visagisten und Fotografen, kurze und lange Flüge, wichtige Dienstreisen und und und … offenbar der neue rote Faden für heutige Mandatsträger. Und daran ist rein gar nicht auszusetzen!

Kassandra erinnert das alles ein wenig an ihren Lieblingspapst Leo X. aus dem Haus Medici. Er muss in seiner Selbst- und Makellosigkeit ein wunderbarer Mensch gewesen sein. Seine Lebensmaxime soll gelautet haben:

Gott hat uns das Amt gegeben, so lasst es uns genießen.“

Richtig so!

Der Herausgeber (li.) und sein Lieblingspapst Leo X. im DHM, Berlin. Foto: Branko Kovac.

Diskriminierungsfreie Sprache auf LEITERbAV

LEITERbAV bemüht sich um diskriminierungsfreie Sprache (bspw. durch den grundsätzlichen Verzicht auf Anreden wie „Herr“ und „Frau“ auch in Interviews). Dies muss jedoch im Einklang stehen mit der pragmatischen Anforderung der Lesbarkeit als auch der Tradition der althergerbachten Sprache. Gegenwärtig zu beobachtende, oft auf Satzzeichen („Mitarbeiter:innen“) oder Partizipkonstrukionen („Mitarbeitende“) basierende Hilfskonstruktionen, die sämtlich nicht ausgereift erscheinen und dann meist auch nur teilweise durchgehalten werden („Arbeitgeber“), finden entsprechend auf LEITERbAV nicht statt. Grundsätzlich gilt, dass sich durch LEITERbAV alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen fühlen sollen und der generische Maskulin aus pragmatischen Gründen genutzt wird, aber als geschlechterübergreifend verstanden werden soll. Auch hier folgt LEITERbAV also seiner übergeordneten Maxime „Form follows Function“, unter der LEITERbAV sein Layout, aber bspw. auch seine Interpunktion oder seinen Schreibstil (insb. „Stakkato“) pflegt. Denn „Form follows Function“ heißt auf Deutsch: "hässlich, aber funktioniert".

© Pascal Bazzazi – LEITERbAV – Die auf LEITERbAV veröffentlichten Inhalte und Werke unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Keine Nutzung, Veränderung, Vervielfältigung oder Veröffentlichung (auch auszugsweise, auch in Pressespiegeln) außerhalb der Grenzen des Urheberrechts für eigene oder fremde Zwecke ohne vorherige schriftliche Genehmigung. Die Inhalte einschließlich der über Links gelieferten Inhalte stellen keinerlei Beratung dar, insbesondere keine Rechtsberatung, keine Steuerberatung und keine Anlageberatung. Alle Meinungsäußerungen geben ausschließlich die Meinung des verfassenden Redakteurs, freien Mitarbeiters oder externen Autors wieder.