Das Forum für das institutionelle deutsche Pensionswesen


Die kommentierte Presseschau zur bAV:

Kassandra und die Knechtschaft der Macht

Unregelmäßig freitags bringt PENSIONSINDUSTRIES eine kommentierte Presseschau zur bAV. Heute: drohender Meltdown in Ost und West, wenn die Zinsen ungeplant steigen und der faule Zauber an sein Ende kommt, Erinnerungen an Zypern und die griechischen Haircuts, mind the Covenants, mit Reizüberflutung zum Erfolg kommen – und wer nicht besoffen mögen werde von der eigenen Allmacht.

Börse online (21. Januar): „Geld fließt ab, Renditen steigen! Trifft Donald Trump jetzt die Rache der Kapitalmärkte?“

The Japan Times (20. Januar): „Japan’s 40-year yield hits 4% as Takaichi’s tax plan sinks bonds.“

Business Insider (21. Januar): „Ende einer Ära: Wie Japans volatile Staatsanleihen die globalen Märkte erschüttern.“

Seit Beginn der Finanzkrise hatte Kassandra immer wieder vor einem bestimmten Horror-Szenario infolge ausufernden QEs gewarnt: Wehe, wenn die Zinsen ungeplant und gegen den Willen der Notenbanken steigen. Denn dann wird abgerechnet – weil dies der ultimative Beweis wäre, dass die Instrumente der Notenbanken stumpf geworden sind und sie so immer schneller immer größere Mittel in die Hand nehmen müssten, um so immer schneller dem Kollaps entgegen zu sprinten.

Dieses Szenario ist der Welt während der Finanzkrise (so diese denn je weg war) erspart geblieben. Doch in diesen Monaten scheint dieses kassandrische Horror-Axiom wieder in greifbare Nähe zu rücken, möglicherweise zumindest.

In Japan – wo man Staatsanleihen ja traditionell im hauseigenen Staatspensionsfonds endlagert – spitzt sich die Lage immer schneller zu. So ist das eben, wenn ein infantiler fauler Zauber, der sich Modern Money Theory nennt, in seine Endphase eintritt.

Dass Donald Trump dringend niedrigere Zinsen braucht, soll ihm sein eigener Laden nicht um die Ohren fliegen, ist bekannt. In seiner gewohnten Manier erzeugt er hier erheblichen Druck vielerlei Facetten auf die Fed – nur, um mit seinen Attacken gegen die Unabhängigkeit der Notenbank das genaue Gegenteil zu erreichen von dem, was er will und braucht. Denn die Renditen steigen weiter.

Frankreich, Deutschland – im Prinzip, aber nicht ganz so offenkundig gilt hier das Gleiche. Auch hier wird die EZB tendenziell die Leitzinsen senken (jedenfalls wird sie sie definitiv nicht erhöhen), und auch hier werden die Renditen der Anleihen eher zulegen, zumindest am langen Ende. Und das lange Ende ist das kritische, weil sich hier die Insolvenzangst amunmittelbarsten ausdrückt. Zumindest Profi-Investoren erinnern sich noch an Zypern und wissen, dass die Covenants der Sovereigns seitdem für die Gläubiger sichtlich verschärft worden sind.

Es sei außerdem an den griechischen Haircut 2012 erinnert, mit dem die Anleger (Kassandra übrigens auch) in Athen zum Friseur geschickt worden sind. 100 Mrd. Euro kostete die neue Kurzhaarfrisur damals. Und wissen Sie noch, was am nächsten Tag los war an den Märkten? Richtig die Sonne ging im Osten auf und im Westen unter. Will sagen, es kam zu gar keinen größeren Irritationen oder gar Verwerfungen, die Sache wurde sang- und klanglos durchgezogen und akzeptiert.

Wenn aber Griechenland schon 2012 besagte 100 Mrd. Ballast abwerfen konnte, warum soll denn Frankreich das 15 Jahre später (in denen die Geldmengen ohnehin viel größer geworden sind) sich nicht mal eben ein bis zwei Billionen vom Hals schaffen, erst recht, wenn das Hand in Hand mit QE geht? Die Märkte haben das 2012 akzeptiert. Aber würden sie es auch 2027 akzeptieren? In diesen Größenordnungen? Mit einem Deutschland als last Resort, das anders als 2012 selber auf der Rolltreppe abwärts ist?

OFF TOPIC – TO WHOM IT MAY CONCERN

ntv (22. Januar): „Konflikt um Grönland – Was wir über die Einigung zwischen Trump und der Nato wissen.“

Kassandra schützt die Insel.

Es ist an dieser Stelle schon vor einem Jahr geschrieben worden, dass Donald Trump in wenigen Wochen mehr Schlagzeilen produziert als andere Präsidenten während des gesamten Terms. Dem bleibt der US-Präsident treu.

Doch was die Causa Grönland betrifft, ist Kassandra Stand heute etwas enttäuscht von ihm. Da wäre mehr drin gewesen. Warum hat die US-Administration nicht auf eine Volksabstimmung gedrängt („Grönland gehört den Grönländern“) und die nötigen Stimmen dann schlicht gekauft? Das hätte echte US-Souveränität bedeutet.

Wie dem auch sei, Trump-Anhänger feiern seine Erfolge, und diese Liste ist mittlerweile lang. Seine brachial-raffinierte Durchsetzungsfähigkeit, basierend auf (halb-)gespielter Unberechenbarkeit und Irrationalität sowie hoher Taktzahl (§Flood the Zone“-Taktik) ist nicht nur meist konstruktiv (Gaza, Armenien/Aserbaidschan, Zentralafrika, faktisch auch Venezuela und Grönland), sondern immer wieder aufs Neue bemerkenswert. Was nicht heißt, als habe er nicht viele offene Baustellen: Im Osten lernt er gerade eine Lektion über den Krieg, die er bei aufmerksameren Studium Kassandras schon kennen würde: „Love is ike War: easy to start, difficult to end.“

However, jedenfalls hat Donald Trump dem uralten Max Weber’schen Begriff von der „Charismatischen Herrschaft“ eine völlig neue Bedeutung gegeben. Aber auch als Anhänger muss man sich fragen, wie das alles weitergeht – gerade wegen der Erfolge, die er in schneller Folge aneinanderreiht. Denn eben dies birgt auch Gefahren.

Im Cäsarenwahn des 21. Jahrhunderts …

Alle kennen die Redewendung: „Wer einen Hammer hat, sieht überall nur Nägel.“ Und wenn dieser Hammer so erfolgreich ist, wie Donald Trump es gerade lernt, dann entsteht der Wunsch nach Mehr, und dieser Wunsch nach Mehr droht stets, in Allmachtsphantasien zu entarten. Cäsaren-Wahn nennt man dies gemeinhin, und Kassandra hatte diesen in einem kleinen Ansatz bei Trump bereits im Zuge der schädlichen Zoll-Politik vor fast einem Jahr ferndiagnostiziert. Damals war das eher scherzhaft gemeint.

wie seit jeher?

Seien es Diktaturen, seien es Autokratien, seien es Demokratien (bes. die äußerst machtfüllige amerikanische): Die Geschichtsbücher dieser Welt sind von der Antike bis in die akute Gegenwart voll mit den Namen von Herrschern und Verantwortlichen, die irgendwann so berauscht waren von den eigenen, ach so spielend-leicht erscheinen Erfolgen, dass sie diesen Weg immer weiter und immer exzessiver beschritten haben – nicht selten bis in den finalen Absturz:

Sparta und der Peloponnesische Krieg, Augustus und der Teutoburger Wald, Karl der Kühne in Nancy, Philipp II. und der Untergang der Armada, Gustav Adolf in Lützen, Karl XII. und der Große Nordische Krieg, der alte Fritz und der Siebenjährige Krieg, Napoleon und die Grande Armée, Mussolini auf dem Balkan, Hitler und das Unternehmen Barbarossa, Saddam und der Überfall auf Kuwait, Milosevic und die jugoslawischen Teilungskriege, Bush und Blair und der dritte Golfkrieg, Sarkozy und der Sturz Gaddafis, Putin und die Ukraine und und und … die Liste ist endlos.

Alle waren sie besoffen von ihren vorherigen Erfolgen, besoffen von ihrem Militär und ihren chicen Sondereinheiten, besoffen von dem Glauben an die Allmacht ihrer Waffen, besoffen von ihrem eigenen Charisma. Doch im Abgrund der Geschichte ist Platz für alle.

Doch soweit ist Donald Trump nicht, noch lange nicht. Und Hoffnung macht: Anders als die Genannten ist Trump kein Politiker – sondern im wahren Leben sozialisiert. Er mochte und er wollte den Krieg nie. Er hat ihn stets verachtet, und er will ihn weiter nicht. Doch dass auch er beizeiten ob seiner schnellen Erfolge in den Cäsaren-Wahn gerät – überraschen würde das nicht. Man kann keinen erfolgreichen Mächtigen freisprechen davon, dem Irrglauben an die totale Machbarkeit zu verfallen. Oder etwas eleganter mit dem großen, heute längst vergessenen Raymond Aron, der ihnen weiland allen ins Stammbuch schrieb:

Niemand entgeht der Knechtschaft der Macht.“1)

Auch Donald Trump nicht.

Niemand entgeht der Knechtschaft der Macht. Auch Du nicht.

1) Aron, Raymond: Frieden und Krieg: Eine Theorie der Staatenwelt, [Paix et guerre entre les nations, deutsch]. Übers. Sigrid von Massenbach. Paris; Frankfurt am Main, 1962.

Diskriminierungsfreie Sprache auf LEITERbAV

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Alle Bilder von Kassandra ab Februar 2025 sind KI-generiert.

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