Die gute Nachricht: Wir alle hier sind in einer bemerkenswerten Branche tätig. Das Pensionswesen ist sozialpolitisch von strategischer Bedeutung, es ist asset-seitig von enormen Volumen gekennzeichnet, es ist technisch und fachlich äußerst anspruchsvoll, und es vereint eine Sozialleistung mit institutionellem Asset Management. Die schlechte: Deutschland kocht hier auf ganz kleiner Flamme. Eine diesbezügliche Studie zeigt das wieder deutlich auf.
Erst Ende vergangenen Jahres hatte das zu WTW gehörende Thinking Ahead Institute sich turnusgemäß wieder daran gemacht, die größten Asset Owner des Planeten zu ermitteln. Nun hat man nachgelegt, es folgt der Blick explizit auf das Pensionswesen und seine Planvermögen, dabei fokussiert auf die 22 größten Pensionsmärkte weltweit. Kernergebnisse der Global Pension Assets Study 2026:
Die weltweiten Pensionsvermögen sind 2025 um nahezu 10% auf einen neuen Höchststand von 68,3 Bio. USD gestiegen. Getrieben wurde das Wachstum vor allem durch kapitalmarktorientierte Vorsorgesysteme und beitragsorientierte Modelle. Die sieben größten Standorte für Planvermögen sind Australien, Kanada, Japan, NL, Schweiz, UK und US.
Aber zur Erinnerung: Die o.a. Studie zu den größten Asset Ownern hatte (für 2024) ergeben, dass Pensionsfonds schwächer wachsen und an Anteil verlieren, während Staatsfonds deutlich an Bedeutung gewinnen.
Die verspätete Nation
Und Deutschland? Pensionsvermögen von rund 564 Mrd. USD, damit zu den zehn größten Pensionsmärkten weltweit zählend, im internationalen Vergleich jedoch nur eine untergeordnete Rolle spielend, hält die Studie fest.
Allein die USA vereinen mit knapp 45 Bio. USD rund zwei Drittel der globalen Pensionsvermögen auf sich, gefolgt von Kanada und (dem als vorsorgepolitisch schwach geltenden) Japan mit jeweils mehr als drei Bio. USD. Wunderbares Zitat aus Sicht einer der größten Volkswirtschaften der Welt: „Der Anteil Deutschlands an den weltweiten Pensionsvermögen liegt bei unter 1%.“
Schon in der AO-Studie war Deutschland mit gerade einem einzigen Akteur in der Liste der 100 größten AO vertreten: die BVK, die auch noch von Platz 32 auf 70 abrutschte.
Struktureller Rückstand sogar in Europa
Besonders bitter wird das Ganze mit Blick auf Europa. Die deutschen Pensionsvermögen entsprechen lediglich rund 11% unseres BIP. In den weiteren europäischen Staaten steigt man hier anders ein: In der Schweiz liegen die Pensionsvermögen bei rund 173% des BIP, in den Niederlanden bei etwa 147%. Auch im Vereinigten Königreich erreicht das Planvermögen mit rund 82% des BIP ein deutlich höheres Niveau. Nicht zuletzt Länder wie Finnland (rund 110%) oder Schweden liegen klar über dem deutschen Wert. Das fiskalisch bekanntlich bärenstarke und kerngesunde Frankreich kommt dagegen – ähnlich wie Deutschland – nur auf einen einstelligen Anteil am BIP.
Mach mal langsam
Entsprechend die Wachstumsraten: In den vergangenen zehn Jahren legten die deutschen Pensionsvermögen im Durchschnitt um 3,3% p.a. zu. Damit bleibt Deutschland sowohl hinter dem globalen Durchschnitt als auch hinter vielen europäischen Vergleichsmärkten zurück, so die Studie. Zum Vergleich: In der Schweiz und den Niederlanden lagen die Wachstumsraten bei über 4% p.a., während kapitalmarktorientierte Systeme wie in den USA 7,7% oder Kanada 5,3% melden.
„Der europäische Vergleich zeigt, dass Deutschland bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge global, aber auch innerhalb Europas nicht nur beim Volumen entsprechender Rückdeckungsmittel, sondern vor allem strukturell deutlich zurückliegt“, sagt Nikolaus Schmidt-Narischkin.

„Während die Niederlande oder die Schweiz frühzeitig auf kapitalgedeckte und institutionell organisierte Vorsorgelösungen gesetzt haben, ist die Altersvorsorge in Deutschland weiterhin stark umlagefinanziert geprägt. Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und reifer werdender Versorgungssysteme gewinnen organisatorische Modelle an Bedeutung, die bestehende Pensionsverpflichtungen effizient steuern und Risiken langfristig aus Unternehmen herauslösen, ohne die Versorgung der Begünstigten zu beeinträchtigen“, so der Chef der WTW Investments GmbH weiter.
DC weiter auf dem Vormarsch
Global belegt die Studie – basierend auf Daten zum Jahresende 2024 sowie Schätzungen für 2025 – zudem erneut den strukturellen Wandel der Altersvorsorge. In den erwähnten sieben größten Pensionsmärkten machen DC-Systeme inzwischen 63% der Pensionsvermögen aus. Märkte mit einem hohen DC-Anteil verzeichneten in den vergangenen zehn Jahren überdurchschnittliche Wachstumsraten, so die Autoren. Gleichzeitig zeigt sich eine stärkere Diversifizierung der Kapitalanlagen, während integrierte Ansätze in der Steuerung von Vermögen und Risiken weiter an Bedeutung gewinnen.
Fazit von PENSIONS●INDUSTRIES: Die fetten und die schlechten Zeiten und …
Zwei Dinge, welche die Treuen in der Leserschaft schon ahnen:
Erstens bestätigt die Studie immer wieder aufs Neue, was wir alle hier längst wissen: Deutschland – das Land, das international immer noch eine große Industrienation sein will – ist in Sachen Asset Management und Asset Ownership eine völlig unstandesgemäß zurückgebliebene, verspätete Nation. Dies ist nicht nur ein vorsorgepolitischer Offenbarungseid, sondern unter industriepolitischen Gesichtspunkten längst auch ein geostrategisch relevantes Defizit; das ist hier auf PENSIONS●INDUSTRIES und ALTERNATIVES●INDUSTRIES endlos viele Male ausgeführt worden und muss für die Wissenden nicht en détail wiederholt werden.
Aber auch die hier vorliegende Studie macht es jeder und jedem erneut deutlich. Die Entwicklung läuft seit Jahrzehnten in die falsche Richtung, und in einem Deutschland, das sich für die Umwandlung in ein Industriemuseum entschieden hat, ist hier mit Besserung kaum zu rechnen. Die fetten Jahre sind vorbei; in diesen hat man verschlafen, sich wetterfest zu machen. Jetzt kommen eben die schlechten.
… die alte Frage der Abgrenzung
Zweitens wird bei globalen Studien hier nie unerwähnt bleiben: Das Pensionswesen ist national, erst recht international die vielleicht heterogenste Sphäre, die wir im institutionellen Asset Management überhaupt kennen. So viele Durchführungswege, so viele Finanzierungsformen, DB, DC, CDC… staatliche Akteure, private Akteure, unternehmens- und industrieeigene Akteure, Finanzdienstleister, Versicherer … kapitalgedeckte Systeme, steuerfinanzierte Systeme, umlagefinanzierte Systeme, rückstellungsfinanzierte Systeme, Systeme aus heißer Luft (von Japan bis Thüringen) … teils säulenübergreifende Erscheinungsformen, Vollrenten und Zusatzversorgungen, für die Privatwirtschaft, für den ÖD, für Beamte etc. pp und schließlich unüberschaubare Mischformen aller Art zwischen all dem Vorgenannten … es ist schlicht völlig unmöglich, hier echte und klare Abgrenzungen vorzunehmen. International das Pensionswesen zu erfassen, heißt in Grauzonen zu leben. Das ist unvermeidlich.
Es ist außerdem bemerkenswert, dass die nun vorliegende TAI-Studie so früh im Jahr schon die Zahlen der Pensionsinvestoren für 2025 in all ihrer unüberschaubaren Heterogenität ermittelt haben soll, und zwar nicht weniger als praktisch weltweit.
Insofern gilt das alte Axiom, das hier immer wieder, wieder und wieder betont wird: Je weiter eine Studie räumlich ausholt – vom Regionalen über das Nationale, das Kontinentale bis zum Globalen – desto größer werden die Unschärfen. Das muss die Leserschaft bei jeglichem Genuss dieser Studien immer der im Hinterkopf behalten.


























